Beitragslink

„Am Wochenende kommst du dran!“

Wie ein Häufchen Elend sitzt der Rekrut vor mir. „Danke, dass Sie gekommen sind“, sagt er leise. „Einer meiner Kameraden, so ein Schlägertyp, hat mir gedroht, dass ich am Wochenende „dran kommen“ werde. Seither kann ich nicht mehr schlafen. Ich habe Angst. Können Sie mir als Armeeseelsorger helfen?“

Ich höre seine ganze Geschichte – ein Streit, der in meinen Augen nicht aussergewöhnlich ist. „Wann ist das passiert?“, frage ich.

„Letzte Woche.“

„Sind Sie am Wochenende tatsächlich dran gekommen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Der andere hat sich nachher entschuldigt. Er sei eigentlich nicht wegen mir ausgerastet und es täte ihm leid.“

Ich bin erstaunt.

„Wo liegt dann Ihr Problem, wenn sich Ihr Kamerad bei Ihnen entschuldigt hat?“

„Nun, die Drohung bleibt ja!“

Ich verstehe nicht.

„Warum bleibt sie denn?“

„Er hat sie ausgesprochen und das kann man nicht mehr rückgängig machen.“

Die Drohung hat den Rekruten offensichtlich so schwer verunsichert, dass die Entschuldigung für ihn wirkungslos blieb. Erst am Ende des Gesprächs fragt er zaghaft: „Meinen Sie wirklich, dass die Entschuldigung gilt?“

Auf dem Weg nach Hause komme ich ins Grübeln. Wie ist es, wenn sich andere bei mir entschuldigen? Bleibt dann wirklich nichts zurück?

In der Kirche reden wir ständig von Vergebung, Versöhnung und Ent-Schuldigung. Kann ich selber die Ent-Schuldigung, die Jesus Christus mir zusagt, glauben? Macht sie mich frei oder bleibe ich gefangen in meinem Misstrauen?

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (3)
  • berührend (1)
  • lustig (0)
  • nachdenklich (2)
  • wichtig (3)
  • fragwürdig (1)
  • langweilig (0)

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.