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Beerdigung eines Obdachlosen

Foto: Beerdigung eines Obdachlosen

Über Beerdigungen könnte ich Bücher schreiben.

Einmal hiess es Abschied nehmen von einem Obdachlosen. „Es wird wohl niemand zur Beerdigung kommen“, schnaufte die Mitarbeiterin auf der Gemeindekanzlei verzweifelt, „wir haben über eine Woche gesucht, konnten aber beim besten Willen keine Verwandten ausfindig machen.“

In solchen Fällen kam immer Frau Gemeindeammann persönlich zur Beisetzung am Grab, denn sie wollte, dass alle Menschen eine würdige Abschiedsfeier bekommen. Der Friedhofgärtner war auch da. So standen wir zu dritt da. Die Glocken läuteten. Im Augenwinkel sah ich, wie eine Gestalt vor dem Eisentor herumschlich. Schliesslich kam sie näher. Ob das hier die Beerdigung von Fredi sei. Wir nickten.

Als ich beginnen wollte, schlurfte ein Pärchen mit Hund auf uns zu. Auch sie kamen wegen Fredi. Hunde waren verboten auf dem Friedhof. Egal jetzt.

So ging es weiter. Schliesslich standen etwa 20 Personen am Grab, die meisten mit Plastiktaschen in der Hand, in abgewetzten Lederjacken und Jeans. Alkohol lag in der Luft. Pünktlich war niemand.

Als ich endlich mit gesalbten Worten einsetzen wollte, sagte eine: „Danke, Fredi, für alles“. Das Pärchen fügte hinzu: „Mir luege für din Hund.“ „Jetzt bisch erlöst von dim Scheiss-Läbe“, sagte ein junger Typ. So ging das weiter. Einer nach dem andern meldete sich zu Wort. Meine Liturgie wurde überflüssig. Am Schluss betete ich und segnete alle.

Von diesen Leuten habe ich am meisten gelernt, wie man von einem Verstorbenen Abschied nimmt.

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