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Das neue Jahr beginnt wie das alte geendet hat: Betrunken

Foto: Das neue Jahr beginnt wie das alte geendet hat: Betrunken

Wer jetzt denkt, ich sei betrunken ins neue Jahr gestartet, liegt falsch. Die Zeiten der durchzechten Nächte sind vorbei. In meinem Alter braucht es nach alkoholbedingten Abstürzen mindestens soviel Erholungszeit wie nach einer mittelschweren Operation. Das lohnt sich in einem Alltag mit kleinen Kindern nicht.

Aber das Witzige an diesem Spruch ist die nüchterne Erkenntnis, dass der Jahreswechsel nichts am Leben ändert. Irgendwie bleibt alles beim Alten. Keine magische Veränderung. Kein Zauber, der alles neu macht. Aber gerade daran glaubte ich meine ganze Kinder- und Jugendzeit. Ich hoffte auf diesen einen magischen Augenblick, der aus dem alten Jahr nun etwas ganz Neues, Anderes machen würde. Dieser Moment wo sich die Gegenwart öffnet und das Ewige spürbar wird. Als Kind suchte ich diesen Zauber in den verschiedenen Dingen, die wir an Silvester so taten: Tischbomben sprengen, Wunderkerzen anzünden, draussen in der Dunkelheit mit Fackeln spazieren gehen, Himmelslaternen steigen lassen, Glückskekse öffnen, Bleigiessen und all die anderen Silvesterrituale. In allem suchte ich dieses erfüllende Eine, das die Gegenwart erklärt und jedem Moment Sinn verleiht, die Logik des Lebens enthüllt und alles einsichtig macht? Natürlich fand ich diesen Moment an Silvesterfeiern nie. Und auch später in meiner Jugendzeit, als ich die Magie des Jahreswechsels mit Alkohol zu ergründen suchte, blieben nichts als Kopfschmerzen. Das Gesuchte blieb unentdeckt. Schliesslich half auch das trotzige Ich-feiere-nicht-Neujahr-und-verschlafe-alles nicht darüber hinweg. Der Schmerz über das Unauffindbare blieb.

Und dieses Jahr? Da fand sich nichts Aussergewöhnliches in dem, was wir taten und erlebten: Gutes Essen, Streit mit den Kindern, selbstgemachte Tischbombe, lustige Spiele, Feuer im Schnee, Müdigkeit, Heiterkeit, Wut und Freude. Mit allem eben, was Silvester so zu bieten hatte. Und trotzdem war bei diesem Jahreswechsel etwas anders, weil mir klar wurde, dass ich nicht immer darauf hoffen konnte, dass die Ewigkeit in meine Gegenwart hereinbricht, nur um dann hinterher wieder enttäuscht zu sein, dass es nicht passierte.

Sondern ich selbst musste die sein, die den gegenwärtigen Moment mit der Ewigkeit verband. Sowohl im Gewöhnlichen und als auch im Spektakulären.

Wie das geht? Ich übe noch. Wenn ich Streit mit meinen Kindern habe und dennoch weiss, dass die Liebe letztlich überwiegt, habe ich die Gegenwart mit der Ewigkeit verbunden.

Wenn ich nach einem rauschenden Fest einen Riesenkater habe, der mich mein Erdendasein intensiv spüren lässt und ich weiss, es wird wieder besser, dann habe ich die Gegenwart mit der Ewigkeit verbunden. Wenn ich meinen Liebsten umarme und daran glaube, dass ich bis an mein Lebensende für ihn da sein werde, ohne zu wissen, was alles noch kommen wird, dann habe ich die Gegenwart mit der Ewigkeit verbunden. Und das wünsche ich uns allen, egal wie wir in das Jahr starteten und was uns erwarten wird: Dass es uns immer wieder gelingt die Gegenwart mit der Ewigkeit zu verbinden.

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4 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für deine berührenden Worte Corinne. Wie viel Wahres und Tiefes steckt in deinem Text. Tief im Innern wissen wir das ja alle, aber es so Schwarz auf Weiss zu lesen rüttelt auf, bewegt und wirkt. So lasse ich im 2015 ganz bewusst die Gegenwart mit der Ewigkeit verbinden und geniesse es 🙂

  2. Es stimmt, Corinne: Der Jahreswechsel für sich ändert gar nix. Weder zum guten, noch zum schlechten. Es bleibt die Erkenntnis, dass nach einer wunderbaren, konsumreichen, durch Völlerei geprägten Vorweihnachtszeit und den wohlverdienten, wunderschönen Weihnachtsferien das neue Jahr im alten Trott, mit Stress und viel, viel Arbeit, wieder weitergeht. Aber so ist das Leben 😉

  3. Wenn ich Streit mit meinen Kindern habe und dennoch weiss, dass die Liebe letztlich überwiegt (…) – das gefällt mir 🙂

  4. Ein wunderschöner Text, Corinne. Gefällt mir sehr gut 🙂
    Ich persönlich habe den obigen Spruch immer wörtlich genommen – und beim Neujahrsbrunch gleich mehrere Male den Champagnerkorken knallen lassen.
    Aber im übertragenen Sinne ist schon noch mehr dahinter, da hast Du recht 😉

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