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Das Recht auf eine Chance

Waren Sie schon mal in der „Kinderwunsch-Abteilung“ einer Klinik? Da sitzt man auf Stühlen, die mit Kunstleder bezogen sind, ausgeleuchtet durch  grelles Neonlicht. Erfüllt von gespannter Erwartung, Hoffnung und Angst. Das hier ist die Endstation der Hoffnung auf ein Kind. Man schaut in die Gesichter der Menschen um einen herum und sieht die gleiche Beklemmung, Hoffnung und Angst. Man weiss genau, was der Weg dieser Menschen war: Monatelange, ja vielleicht sogar jahrelange Versuche ein Kind zu bekommen.

Monat für Monat hoffen und bangen. Riesige Enttäuschungen. Vielleicht der Gang zur Adoption und die Erfahrung, dass dies nicht immer ein Weg ist, den man gehen kann oder will. Man hat vielleicht viel Liebe, die man einem Kind schenken kann, aber nicht das richtige Alter, nicht die richtige Situation.

Ehe und Sexualität werden belastet. Man sieht nur noch Schwangere, Babies und glückliche Familien um sich. Und selber funktioniert man irgendwie nicht richtig, fühlt sich nur noch als halbe Frau, wird ausgegrenzt aus einem Teil der Frauenwelt, den man nicht kennt, nicht dazu gehört. Nur die Sehnsucht bleibt und die Tränen und der Schmerz. Die Wiege bleibt leer.

Und dann sitzt man plötzlich im kalten Neonlicht einer Klinik und übergibt seine Hoffnung und seinen Körper der modernen Medizin. Man wird untersucht, gepikst, lernt, sich selber Hormone zu spritzen. Täglich führt der Weg zur Klinik – und dann ist es so weit, und man hofft und betet für „Erfolg“, für die Chance, in neun Monaten ein Kind in die Arme zu nehmen. Doch die Aussichten auf Erfolg sind kleiner als auf Misserfolg. Und dann bleiben Trauer und Scherben.

Doch dieser Weg ist ein teurer Weg – eine IVF Behandlung kostet zwischen CHF 8000.- und CHF 10000.- und weil die Sehnsucht nach Familie und Kind eine reine Privatsache ist, sind die Krankenkassen nicht verpflichtet, sich an den Kosten zu beteiligen. Dadurch wird der Wunsch nach einem Kind nebst der psychischen Belastung auch zu einer finanziellen Herausforderung. Man verzichtet auf vieles, um seiner Hoffnung eine Chance zu geben.

„Ich habe doch ein Recht auf ein Kind“ – die Frau, die mir diesen Satz verzweifelt entgegenschleudert, wünscht sich sehnlichst ein Kind. Doch „es“ klappt nicht. Nun sitzt sie vor mir und hofft auf ein mitfühlendes Ohr, eine zündende Idee, Hilfe und Ermunterung, um den obigen Weg zu beschreiten. Denn ihre Familie ist dagegen. Und so ist sie – die Kirchenfremde –  zu mir gekommen – der Pfarrerin – um etwas zu bekommen, was sie in ihrem Kreis nicht bekommt.

Ich weiss auch nicht, ob man ein „Recht“ hat auf ein Kind. Aber ich bin überzeugt, dass man ein Recht hat auf eine echte Chance. Vielleicht wird sie am Ende dieses Weges ein Kind in den Armen halten dürfen. Vielleicht auch nicht. Aber dann kann sie den Weg der Trauer um diesen unerfüllten Wunsch und den Weg der Versöhnung mit dem eigenen Leben und mit dem Schicksal gehen, ohne ständig zurückzublicken und sich zu fragen „was wäre gewesen wenn…“

Ein klares „Nein“ im Leben ist leichter zur verkraften, als ein vages „es hätte sein können…“

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1 Kommentar

  1. Nachdenklich stimmende Geschichte… „Recht auf“… worauf…? Und: „was wäre wenn?“… Die eine Frage, die uns immer wieder das Leben im Hier und Jetzt verunmöglicht, oder zumindest schmerzlich erschwert. Das klare Nein – ich bin dafür! Aber: wer spricht es aus – wer trägt mich im Nein – wer nimmt mich in der Trauer des Neins mit?

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