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Die Ohnmacht im Krankenbett oder wie wertvoll ein Rausschmiss ist

Spitalbett
Spitalbett

Herr X lag schon einige Tage im Spital, als seine Tochter mich bat, beim ihm vorbeizugehen. Gerne folgte ich diesem Wunsch und ging am nächsten Tag ins Kantonspital.

Nach einem leisen Klopfen, öffnete ich vorsichtig die Türe und trat ins Zimmer von Herrn X ein. Seine Begrüssung lies mich leer schlucken: „Was haben denn Sie hier verloren? Ich kratze noch lange nicht ab!“

Ich entschuldigte mich für die Störung und erklärte, dass ich ihn gerne besucht hätte, aber wieder gehen würde, wenn er dies wünschte.

Er wünschte dies. Und nach knapp 10 Minuten stand ich wieder vor der Eingangstür des Spitales und fühlte mich frustriert – denn schliesslich war der Weg von meinem Tal zum Kantonspital umsonst gewesen. Verlorene Zeit, wie mir schien.

Umso überraschter war ich einige Wochen später, als ich Herrn X – mittlerweile genesen – beim Hundespaziergang wieder getroffen habe. „Ja, wo sind Sie denn geblieben?“ – „Ich?“ – „Ja, ich habe auf Sie gewartet“. „Aber, Herr X, Sie haben mich praktisch aus Ihrem Zimmer geworfen. Ich wollte gewiss nicht aufdringlich sein oder Sie stören.“

Herr X schüttelte energisch den Kopf: „Natürlich habe ich Sie rausgeworfen. Und das hat mir gut getan! Sie sind der einzige Menschen in diesem Spital gewesen, der mir das Gefühl vermittelte, ein Mensch mit einem Willen zu sein und nicht bloss ein hilfloser Wurm im Bett!“

Und so habe ich mit viel Demut gelernt, dass Seelsorge manchmal auch ganz ohne Worte auskommt. Und dass ein Rauswurf aus einem Spitalzimmer einem Menschen, der im Bett und irgendwie abhängig ist von Pflegepersonal und Familie, noch ein Stückchen Würde und Autonomie schenkt, die er in diesem Moment offensichtlich bitter nötig hat.

 

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6 Kommentare

  1. Liebe Frau Hassler
    Sehr schöne Geschichte. Von dieser Art Lebensgeschichten brauchen wir mehr. Was wir gut meinen, ist vielleicht nicht gut für den andern, dass einzusehen ist für die helfenden nicht immer einfach. Jeder Mensch sollte seinen freien Willen haben. herzlichst C. Weber

  2. der kirchenhistoriker und psychoanalytiker walter frei, der an der einstmaligen christkatholischen fakultät der universität bern adler- und freudzentrierte, blutkreislaufanregende pastoraltheologische veranstaltungen anbot, zu dem auch wir evangelischen strömten, hat uns einmal gesagt: „wenn Sie übertragungen ertragen können, haben Sie viel getan!“ herr x hat Ihnen gegenüber eine emotion zum ausdruck gebracht, die denen galt, die ihn nach seiner empfindung entmündigt haben, was vielleicht noch viel weiter in seine vergangenheit zurückreicht.

    • Nadine Hassler Bütschi 21. Juni 2016 um 21:41 Antworten

      Lieber Michael Vogt – ja – das ist mir sehr bewusst! Und Prof. Frei hat in der Tat immer sehr spannende Vorlesungen gehalten, die auch mich sehr bereichert haben!
      Liebe Grüsse, Nadine Hassler Bütschi

  3. Ja, das kann ich genau so bestätigen. Man fühlt sich hilflos und ausgeliefert, meist haben die Pflegefachfrauen viel zu tun mit Computer füttern mit medizinischen Daten und kaum mehr Zeit für eine persönliche Bemerkung. Auf Fragen gibt es keine Antwort, da niemand wirklich zuständig ist, die Pflegerin von heute hat morgen frei und es steht jemand anders am Bett, der Arzt hat keine Zeit.
    Taucht da der Pfarrer, die Pfarrerin auf so sieht man den Tod gleich hinten dran stehen und genau den will man ja nicht. Und wenn der Gast wie geheissen gleich wieder verschwindet, ist das ein wohltuender persönlich Triumpf, wenn auch eigentlich nicht persönlich gegen den Pfarrer gerichtet.

    • Nadine Hassler Bütschi 21. Juni 2016 um 21:43 Antworten

      Liebe Elisabeth Bader – Danke, dass Sie mit uns diese persönlichen Gedanken und wohl auch Erfahrungen teilen. Liebe Grüsse, Nadine Hassler Bütschi

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