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Ein Liebesbrief

Briefe schreiben ist im Zeitalter von SMS, Facebook und whats up leider etwas aus der Mode gekommen. Doch eigentlich bekommen alle Menschen gerne einen Brief – einen richtigen, langen, ausformulierten. Darum habe ich seit einigen Jahren angefangen am Ende der Konfirmandenzeit meinen Jugendlichen einen Brief zu schreiben. Ich schreibe über unsere gemeinsame Zeit, was mir wichtig geworden ist in der jeweiligen Gruppe und ergänze noch meine persönlichen Wünsche. Hier – in gekürzter Form, der diesjährige Brief an einen wundervollen Jahrgang!

Ein Liebesbrief an meine Konfirmandinnen & Konfirmanden

Meine Lieben

Ich bin etwas aus der Übung – im Schreiben eines Liebesbriefes.Und dennoch denke ich, dass Ihr in verdient habt.

Wir leben leider in einer Welt und Gesellschaft, die eher meckert und motzt, die Fehler und Unzulänglichkeiten anschaut und kommentiert und vergisst, dass wir Menschen Wertschätzung und Anerkennung brauchen um wachsen, gedeihen und blühen zu können. Gerade dies macht Mobbing so schlimm – denn der Mensch, der gemobbt wird, kann nicht mehr wachsen, sondern verkümmert und verblüht im Herzen und in der Seele.

Doch warum ist das Negative oft so viel Stärker als die Liebe? Vielleicht weil das schimpfen einfacher geht, als das Verzeihen, Lieben und Verstehen.

Vielleicht weil wir keine Zeit mehr haben wollen unserem Nächsten wirklich zuzuhören und wohlwollend zu begegnen, vielleicht weil das Lieben dem „shareholder value“ nichts bringt, vielleicht weil wir einfach die Botschaft von Jesus vergessen haben, der gesagt hat: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie Dich selbst.

Und Liebe gehört nun mal zu den Sachen, die man nicht nebenher machen kann, die man nicht einfach „beschwatzen“ kann, sondern leben muss, zeigen muss, ausstrahlen muss.Und gerade darum schreibe ich Euch heute einen Liebensbrief.

Damit Ihr es mal hört: Ihr alle wart eine wunderbare Gruppe und ich vermisse Euch jetzt schon! Jedes und jeder von Euch ist mit lieb und vertraut geworden!

 Viele heitere Momente haben wir miteinander erlebt: das gemütliche Plaudern auf dem Sofa beim Weihnachtsessen, die geschminkten Bubengesichter beim Krippenspiel und der kichernde Joseph mit seiner emanzipierten Maria. Das intensive lernen und lehren in theologischen und philosophischen Gefilden, das nicht immer einfach war für Euch. Die gemütlichen Minuten vor dem Unterrichtsbeginn, als mir das eine oder andere erzählt wurde. Das betretene Schweigen, wenn ich mal energisch um Ruhe bitten musste. Das stöhnen beim Lernen vom Psalm 23 und vom Unser Vater – die kreativen Variationen zu diesen Texten. Das seelige Schnurren, wenn es mal einen Lollipop gab und eine andere Süssigkeit.

Das erledigte Blinzeln durch müde Augen nach dem Kinderlager und vieles weitere Momente, Augenblicke und Ereignisse fallen mir dazu ein. 

Seit der fünften Klasse durfte ich Euch begleiten und einen kleine Wegstrecke mit Euch gehen. Ich durfte beobachten wie aus Kinder junge Erwachsene wurden. Jedes mit seinen Eigenschaften und Macken – jedes besonders: 24 ganz spezielle, wundervolle Menschen: Unsere „siamesischen Zwillinge“, die immer alles gemeinsam machen, unsere „coolen boys“, die mit viel Charme über vergessen Aufgaben hinweglächelten. (…) Unser Chaot, der regelmässig seine 2 bis 4 Minuten zu spät in das Klassenzimmer eingetrudelt ist. Unsere kecken Mädels, denen immer wieder flotte Sprüche über die Lippen kamen. (…)

Jede und jeder hat seine Einmaligkeit und Besonderheit in die Gruppe eingebracht und das dieses gemeinsame und intensive Konf‘ Jahr für mich besonders schön und spannend gemacht. 

Nun trennen sich unsere Wege und für viele von Euch beginnt ein neues Leben: als Lehrling, im Austauschjahr oder in einer höheren Schule.

Das Leben, die Gesellschaft und die Wirtschaft werden von Euch Einsatz und Leistung fordern. Das eine oder andere „finstere Tal“ (wie es im Psalm 23 bezeichnet wird) werdet Ihr durchschreiten müssen. Und vieles Neues, Spannendes und Schönes werdet Ihr wohl erleben und erfahren dürfen.

Ihr werdet vieles richtig machen, manchmal aber auch Fehler begehen und Schuld auf Euch laden. Man wird Euch Unrecht tun und Ihr werdet Euren Weg suchen und gehen müssen. 

Vielleicht – (ganz sicher) – ist es dann eine Hilfe zu Wissen, dass Ihr diesen Weg nicht alleine gehen müsst. Dass Gott, der „ich bin da“ Euch begleitet. Dass Jesus uns durch sein Leben und Sterben, durch seine Auferstehung gezeigt hat, dass Gott uns ein Leben mit Zukunft schenkt, Raum um unsere Persönlichkeit und Talente zu entwickeln, Verantwortung, weil wir Menschen und nicht Gemüse sind; Perspektive, denn Gott nagelt uns nicht fest, sondern bietet uns auf 1000 Arten die Möglichkeit ein gelungenes Leben zu führen. 

Und schliesslich hat Gott uns eine Liebe geschenkt, die stärker ist als der Tod.

Gerne vertraue ich Euch dieser Liebe und diesem Gott an(…)
Wertvoll und erwünscht in den Augen Gottes. Das seid Ihr!

Und dieses Wissen soll Euch im Leben immer wieder Mut geben vorwärts zu gehen, das Leben mit beiden Händen anzupacken und das Beste aus allem zu machen.

Ich denke, darin liegt eine der Stärken des Christentum: das Wissen, dass Gott uns ein Leben mit Perspektive und Chancen geschenkt hat. Das wir nicht auf die Fehler der Vergangenheit festgenagelt werden, sondern immer wieder aus der Versöhnung heraus leben dürfen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch von Herzen eine gesegnete Zukunft!

 

 

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