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Eine Hand voll Kostbarkeiten

Unter den studierten Pfarrpersonen wird so gern darüber philosophiert, wie wenig wichtig vielen Menschen heutzutage die eigentliche Weihnachtsbotschaft ist. Weihnachten als Familienfest gibt es aber eigentlich erst, seit sich im 19. Jahrhundert die Kleinfamilien entwickelt haben. Bis zur Zeit der Reformation wurde Weihnachten gar nicht wirklich gefeiert, jedenfalls nicht als Familienfest. Die Geschenke brachte damals noch der Heilige Nikolaus und dessen Namenstag liegt ja bekanntlich 2 1/2 Wochen vor Weihnachten. Weil Martin Luther aber eine Alternative zu den Heiligen anbieten wollte, brachte er das Weihnachtsfest und damit das Christkind als Alternative ins Spiel.

In den Gefängnissen treffe ich Menschen, die gar keinen christlichen Hintergrund haben. Und ich treffe Menschen, die fest im christlichen Glauben verwurzelt sind, aktiv und überzeugter, als manch Weihnachtsgottesdienstbesucher.
Was allen gemeinsam ist: An Weihnachten fühlt sich die Inhaftierung noch schlimmer an, als sonst. Auch, wenn bei vielen die eigene Familie im normalen Geschäftsalltag oft erst an x-ter Stelle nach Arbeit, Hobby, Freundin und sonstigen Aktivitäten stand, rückt sie jetzt doch an die Spitze dessen, was am meisten fehlt.

Die Familie wird erst dann so richtig wichtig, wenn man sie nicht hat.
Und das wird gerade an Weihnachten besonders deutlich.

Und jetzt:
Wie viele vor allem junge Menschen nerven sich an den Familientraditionen?
Wie viele würden viel lieber verreisen, anstatt an Weihnachten von der eigenen zur Schwiegerfamilie zu hetzen und sich mit denen zu treffen, mit denen man zwar verwandt, aber doch nicht befreundet ist?

Weihnachten ist ein Familienfest.
Und Familie dürfen wir miteinander gestalten!
Darum: gestaltet Euer Familien-Weihnachtsfest! Sprecht miteinander über das, was Eure Wünsche nicht nur für den Gabentisch, sondern gerade auch für die Zeit miteinander sind. Es könnte sein, dass Ihr eines Tages nicht mehr selbst darüber entscheiden könnt, wie Euer Weihnachtsfest aussieht.

Die Frauen und Männer in den Gefängnissen können Weihnachten nicht mit ihren Familienangehörigen feiern. Für sie stellen die Stunden eine ganz besondere emotionale Herausforderung da. Eingeschlossen und von jeglicher familiären Gemeinschaft ausgeschlossen hören sie in ihren Gefängniszellen die Kirchenglocken. Die Glocken, die die Menschen zum Gebet rufen, in die Gottesdienste mit Krippenspielen, besonderer Musik und Abendmahl. In alles das, was die Gemeinschaft der Gläubigen auch ausmacht.
Das einzige Besondere, das die Gefangenen in unseren Aargauer Bezirksgefängnissen an Weihnachten erleben, ist eine Hand voll Spanische Nüsse, Schoggi und Lebkuchen. Ein Hand voll Kostbarkeiten, die daheim in den Familien so selbstverständlich und dort in den Gefängnissen so besonders sind.

Gesegnete Weihnachten!

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1 Kommentar

  1. am abend des 24. traf ich einen an, von dem ich wusste, dass er jetzt gleich allein in seiner wohnung sein wird. „weihnachten kommt überall rein!“ wollte ich zu ihm sagen, es ging aber in diesem moment nicht. trotzdem, finde ich, wir sollten uns nicht darauf beschränken zu sagen, wie einsam viele an weihnachten sind.

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