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Eine harmlose Kirche brauche ich nicht

Foto: Eine harmlose Kirche brauche ich nicht

„Die Vertreter der Landeskirchen scheinen nicht begriffen zu haben, wie Glauben und Religion funktionieren.“

Das schreibt der Journalist Hugo Stamm in seinem neusten Blog. Seine Blogs langweilen mich in der Regel, weil er in meinen Augen einen einseitigen Kirchenbegriff hat und immer zum selben Schluss kommt. Doch diesmal: Obacht.

„Mit Yoga, Konzerten und Lesungen kann man die Besucher zwar unterhalten, aber nicht für Gott begeistern. Sie (die Landeskirchen) übersehen, dass der Glaube in seinem Kern etwas Radikales, Absolutes ist. Es geht um das Höchste und Letzte… Glaube ist kein Freizeitvergnügen.“, schreibt er.

Viele Freikirchen hätten das begriffen, behauptet er weiter, und verurteilt gleichzeitig ihre aggressiven Missionsmethoden und dass die Mitglieder teilweise ihre geistige Autonomie aufgeben würden. Das würden die Landeskirchen besser machen. Doch: „Sie machen eigentlich alles richtig und sind trotzdem gegenüber der ICF auf verlorenem Posten.“

Ich kann es drehen und wenden wie ich will, aber der Mann hat zumindest im Grunde recht.

Meine Landeskirche kommt mir oft harmlos vor. Korrekt. Alles, nur nicht die Mitglieder vergraulen. Mit Mitgliedern sind natürlich die Steuerzahlenden gemeint. Nicht gerade jesuslike.

Wer alles richtig machen will, macht bekanntlich alles falsch. Ich ertappe mich selbst dabei. Aus den eigenen Reihen wird zwar mehr Profil gefordert. Aber wer es wagt, sich pointiert zu äussern, wird garantiert von innen mit vernichtender und absolut humorloser Kritik eingedeckt. Nicht nur Gottfried Locher kann davon ein Lied singen. So ist das eben in einer Kirche, die sich Pluralität auf die Fahne geschrieben hat.

Ja, es geht im christlichen Glauben um das Höchste und Letzte.

Es geht in der Kirche darum, das Leben verfehlen oder gewinnen zu können. Es geht um Gottes Geschichte mit den Menschen und was wir daraus lernen können. Es geht darum, Jesus Christus nachzufolgen.

Geht das ohne negative Begleiterscheinungen wie Drohungen, Zwang und Lieblosigkeit ? Es muss. Es wird. Sonst gute Nacht!

http://blog.tagesanzeiger.ch/hugostamm/index.php/34440/gegen-icf-haben-die-kirchen-keinen-stich/

 

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7 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag! So etwas wünsche ich mir von dem Blog-Projekt.
    Let’s do it und mehr Mut und Neues wagen und so weiter – das ist für mich nur die eine Seite. Die andere Seite ist die schlichte Frage und Nachdenklichkeit: Was heisst denn Radikalität für uns?
    Ich habe in den Ferien das Buch von Nadia Bolz Weber gelesen ( und in weiten Teilen genossen) – ihr Ansatz erscheint mir eine Spur dazu zu sein.
    ( Lit-Tip: Nadia Bolz-Weber: „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“ – Pastorin der Ausgestossenen)

    • Hoi Dietlind

      Danke für dein Feedback. Habe das Buch diesen Sommer ebenfalls gelesen und es geht mir genau gleich wie dir. Was mich bei ihr fasziniert, ist ihre Bodenständigkeit und Ehrlichkeit. Und natürlich ihre erfrischend freche Sprache… 😉

  2. man sieht eben auch, dass hugo stamm sich in der theologiegeschichte nicht auskennt: die reformation hat sich von den „begeisterten“ abgegrenzt. auch nicht in der systematischen theologie: der glaube ist nicht „absolut“, dh nicht losgelöst von anderen erscheinungsformen von glauben, im dialog mit ihnen. auch nicht exegetisch: die ersten gemeinden lebten in der naherwartung und meinten, sie könnten für die noch verbleibende kurze zeit vollkommen sein. später kamen sie darauf, dass das nicht geht. auch das neue menschsein ist im dialog – mit dem alten. bonheoffer hat im übrigen dargelegt, es gehe nicht um „das letzte“, sondern um das vorletzte. die theologische logik ist eben die: wenn es nicht um das niedrigste geht, geht es auch nicht um „das höchste“. sobald die wahrheit als erkennbar erkannt ist, braucht religion andauernde fanatismusprävention. die gefahr, dass die verschiedenen „radikalen glaubenssysteme“ (hugo stamm) aufeinander losgehen, darf nicht übersehen werden. sie wollen ja auch „alles richtig machen“ und dass alle andern alles richtig machen – und machen darob ebenfalls bald mal „alles falsch“. ich finde es darum gar nicht so schlecht, wenn eine kirche eine art auffangbecken darstellt, pluralistisch, nicht einfach so eine handlungseinheit, was ein nachteil sein kann, aber eben auch ein vorteil. ein „jenseits“, in dem sich jugendliche im diesseits gelassen, lässig austauschen können, scheint mir gar nicht eine schlechte basis zu sein, von der aus – wie aus dem affangbecken – dann auch mal entschlossenere, aber besonnene aktionen mit psychologischem und weltbezogenem realitätssinn möglich werden. „du kannst das leben verfehlen“ kann auch bedrohlich werden und einen seelischen zwang auslösen. die grundlegende wahrheit sehe ich darin: das leben verfehlt dich nicht. es „sündigt“ nicht, trifft voll ins schwarze.

      • ich glaube eher, dass zwei themen durcheinander geraten: Sie denken an den hiesigen kirchlichen kontext; wenn hugo stamm aber sagt „todernst“, komme ich nicht darum herum, den internationalen kontext zu sehen.

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