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Eine Lektion in Wundern – das Leben ist unberechenbar

Foto: Eine Lektion in Wundern – das Leben ist unberechenbar

Genau so sehr wie ich an Wunder glaube, so selten begegnen sie mir. Aber das hier ist eines. Eines Morgens rief mich der Vater einer ehemaligen Konfirmandin an, seine Frau liege auf der Intensivstation im Sterben. Ob ich sie beerdigen würde. Ich sagte zu und fragte, ob wir sie noch besuchen könnten, bevor die lebenserhaltenden Geräte abgestellt werden. Sie war bereits hirntot. Man hielt sie nur am Leben, weil ihr Mann ihre Patientenverfügung noch nicht gefunden hatte und man sich noch nicht auf den richtigen Zeitpunkt zum Abstellen geeinigt hatte.

Ich stand also da an diesem Bett, verpackt mit Haube, Mundschutz, Ganzkörperschutz, Handschuhe und allem. Vor mir lag diese Frau. Von diversen Geräten und Schläuchen am Leben erhalten. Und ich stand da und spürte nichts von diesem Menschen. Sie war wie eine leere Hülle, die vor mir lag. Ich stand mit ihrem Mann am Spitalbett, und es gab nichts mehr zu sagen. Irgendwann verliessen wir das Zimmer und besprachen den Tag der Abdankung und seine Wünsche, wie wir den Abschied gestalten sollten.

Die Kirche war reserviert, das Beerdigungsinstitut informiert, die Todesanzeige nahezu fertig geschrieben.

Ihr Mann fand die Patientenverfügung, und es wurde klar, sie hätte niemals lebensverlängernde Massnahmen gewollt, eigentlich hätte man sie gemäss der Patientenverfügung sterben lassen sollen. Und so war es nun definitiv klar: Die Geräte sollten am übernächsten Tag im Beisein der Familie abgestellt werden.

Und dann geschah das Wunder: Nach tagelangem Hirntod und Organversagen, waren mit einem Mal wieder Hirnströme da. Etwas, das medizinisch gesehen eigentlich gar nicht möglich ist. Diese Frau kehrte zurück ins Leben!

Vor ein paar Tagen, zwei Monate nach ihrer Rückkehr ins Leben, habe ich sie in der Reha besucht: Sie wird wieder vollständig gesund werden. Sie ist wieder ganz da. Spricht. Geht. Erinnert sich. Nur nicht an die Zeit, als sie hirntot war, daran kann sie sich nicht erinnern. Ausser an Eines erinnerte sie sich ganz klar: Dass da ein Moment war, wo sie entscheiden musste, zurück ins Leben zu kommen oder definitiv zu gehen. Und sie hatte sich bewusst für das Weiterleben entschieden.

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3 Kommentare

  1. ehemalige Konfirmandin 5. April 2016 um 21:54 Antworten

    Ja ein Wunder. Wir freuen uns, dass wir unser Leben weiter mit ihr teilen dürfen und sind dankbar für dieses wundervolle Geschenk.

  2. ein wunder ist etwas, was uns verwundert. aber es verwundert mich nicht, dass ein medizinisches konzept nicht das ganze leben erfassen (concipere) kann.

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