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Erst das Fressen, dann die Moral

Foto: Erst das Fressen, dann die Moral

So heisst ja die Redensart. Bei uns in der Kirchgemeinde ist es umgekehrt. Die Gottesdienstbesucher, die am Sonntag kommen, die Eltern der Konfirmanden, die an den Elternabend kommen, die Familien, die an unseren Anlässen teilnehmen… sie alle müssen zuerst das Moralische, Sinnliche, Theologische, Erlebnisreiche überstehen, bevor es ans Essen geht. Damit gehen wir eigentlich in die verkehrte Richtung der Maslowschen Bedürfnispyramide:

Solange ein Mensch hungrig ist, ist er nicht für Sinnstiftendes bereit.

Zuerst müssen die Grundbedürfnisse gestillt sein, wie Essen, trinken und schlafen, bevor dann alles Weitere kommt wie z.B. soziale Bedürfnisse, ICH-Bedürfnisse oder sogar Selbstverwirklichung (je nachdem wozu man die christliche Botschaft zählt). Dennoch werden wir an der Reihenfolge unserer Praxis nichts ändern, aber beides, „das Fressen“ und „die Moral“ beibehalten.

Jede Kirchgemeinde hat so ihre Stärken und Schwächen.

Die Stärke unserer Kirchgemeinde ist die Gastfreundschaft.

Ich brauchte ein paar Jahre bis ich das merkte. Aber bei uns gibts zum Beispiel nach jedem Gottesdienst mindestens ein Chilekafi wenn nicht gleich ein Essen für alle. Jede Kirchenpflegesitzung wird mit Sandwiches und Wein beendet. Spezielle Anlässe werden gefeiert mit einem Apéro oder einem Essen. Und statt alle Konfimandeneltern zu Hause zu besuchen, laden wir sie zu uns in den Kirchgmeindesaal ein, zu einem Racletteessen mit dem besten Käse der Welt.

Man könnte sich nun fragen, ob in Zeiten, wo sparen immer mehr ein Thema ist, es nicht angebracht wäre, das Essen abzuschaffen. Essen ist ja Luxus!
Nein! Gerade das gemeinsame Essen und Zusammensein ist gemeinschaftsbildend für eine Gemeinde aus verschiedensten Menschen.

Jesus verbrachte einen wesentlichen Teil seiner Lebenszeit damit, mit den Menschen zusammen zu essen, die ihm am Herzen lagen. Seinen letzten Abend in Freiheit feierte er mit seinen Jüngern und einem ein Abendessen, das in die Geschichte einging.

Es war ein Essen, das mehr war, als nur die Befriedigung von körperlichem Hunger und Durst.

Es war ein Essen, das sinn- und lebensstiftend wurde für Milliarden von Menschen, die an die besondere Kraft, die in diesem Essen steckte, glauben. Darum bin ich dafür, dass wir weiterhin das gemeinsame Essen feiern, und wer weiss,

vielleicht finden wir ja im Fressen die Moral.

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9 Kommentare

  1. Auch eine schöne Geste wäre doch, wenn jeder etwas mit bringt und alle für alle Essen bringen. So macht (Fr)Essen Spass und schont die Haushaltskasse 😀

  2. „Denn ein jeglicher Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut in aller seiner Arbeit, das ist eine Gabe Gottes“. – Prediger 3.13 – auch alttestamentlich gesehen: En Guete!!!

  3. Essen und Glaube, die beiden gehören zusammen, finde ich auch. Also: Essen als Ausdruck für Begegnung – nicht zur Nahrungsaufnahme mit Handyblick 🙂 Also auch hier: „Liebe geht durch den Magen!“

    • lieber enrico
      nun beginnt ja bald die fastenzeit und da macht es durchaus sinn die ein oder andere mahlzeit durch ein gebet zu ersetzen: just try! wer seine energie nicht für die verdauung braucht, ist offener für andere erfahrungen….

    • lieber stefan
      zugegeben, die wortwahl ist etwas derb…ich hab mich da auf den guten alten bertold brecht bezogen. aber „essen“ wär wohl angebrachter 😉

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