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Es sieht dann einfach Scheisse aus! (Von Tattoos und Taufen)

Foto: Es sieht dann einfach Scheisse aus! (Von Tattoos und Taufen)

Sie kennen das Sprichwort: Der Kunde ist König?! Wir alle sind ja Kunden, immer wieder, überall. Im Mediamarkt, beim Arzt, in der Metzgerei und beim Coiffeur. Und meist gehen wir dorthin und wissen, was wir als Kunden wollen und erwarten auch dementsprechend behandelt zu werden. Wie Könige halt.

Als Pfarrerin habe ich ja auch meine „Kunden“, wenn es zum Beispiel um persönliche Feiern wie Taufen oder Trauungen geht. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Taufeltern, die eine Taufe von mir gestalten lassen wollten: Ich besuchte die Eltern zuhause zu einem Vorgespräch. Sie hatten bereits genaue Vorstellungen davon, wie die Taufe stattfinden soll. Sie: „Also die fünf Elemente müssen unbedingt drin vorkommen“ Er: „Fünf? du meinst vier?!“ Sie: „Nein, ich meine nicht die griechische Lehre mit den 4 Elementen, sondern die mit den 5, eben die taoistische Lehre, das bedeutet mir viel“.

Ich versuche, das Paar auf die christliche Tradition hinzuweisen: Über Jahrhunderte haben sich Menschen gefragt, gestritten, debattiert und Wege gesucht, um eine Taufliturgie zu finden, die dem ursprünglichen Taufauftrag von Jesus Christus am nächsten kommt. Ich merke, das Paar kennt die reformierte Tradition nicht, und die christliche Taufliturgie ist ihnen fremd. Das Selbstgewählte ist wichtiger. Wir finden letztlich einen gemeinsamen Nenner, der die christliche Tradition berücksichtigt, aber auch ihr Anliegen mit den 5 (nicht 4!) Elementen aufnimmt.

Es ist schon ein paar Jahre her, aber ich wunderte mich damals ein bisschen, dass sie meinem Knowhow als Fachperson nicht vertrauten.

Seitenwechsel. Neben Fachperson bin ich ja auch Kunde: Seit einem Weilchen spielte ich mit dem Gedanken mir ein Tattoo stechen zu lassen (mehr dazu im nächsten Blog). Wochen und Monate hatte ich mir überlegt, ob und wie es aussehen soll, und nach langer Bedenkzeit ging ich mit meiner fertigen Idee zum Tätowierer. Ich präsentierte ihm meine Idee. Er gab aus seinem Erfahrungsschatz einiges an meiner Idee zu bedenken. Ich schlug alle kritischen Einwände in den Wind. Schliesslich hatte ich mir alles schon lange und gut überlegt, da brauchte ich seine Ideen nicht. Am Schluss meinte er: „Ok, es ist ja dein Tattoo. Ich mach es so, wie du es willst. Es sieht dann einfach Scheisse aus.“

 

Ein Kunde will ich König sein, auch dann wenn er keine Ahnung hat. Aber ich habe inzwischen gemerkt, dass erst dann etwas Gutes und Neues entsteht, wenn sich Kunde und Fachperson auf Augenhöhe als Menschen begegnen, die einander Vertrauen bei der gemeinsamen Suche.

 

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5 Kommentare

  1. Kunden sollten immer König sein, vor allem, wenn es um etwas Persönliches geht. Das beschriebene Anliegen ist wie ein Tattoo aus Solothurn. Ich würde mir auch nicht ein Tattoo Aargau, Tattoo Aarau oder Tattoo Zofingen stechen lassen, wenn ich ein Tattoo Solothurn haben möchte!

  2. Ich als Kunde habe auch die Erwartung König zu sein. Nicht unbedingt weil ich meine, alles besser zu wissen. Vielmehr will ich, dass der Dienstleistende meine Bedürfnisse optimal erfüllt. Dies kann auch eine gute Beratung sein. Er muss auf mich eingehen, für mich da sein. Ein klassisches Beispiel ist das Restaurant: es muss mir schmecken. Die Schnecke kann noch so gut gegart und gewürzt sein, aber wenn ich keine Schnecken mag, dann hilft dies wenig. Wenn ich wenig Zeit habe, muss der Service schnell sein, wenn ich viel Zeit habe, dann soll der Service mir Zeit lassen und mich nicht stressen. Dies zu merken, darin liegt die Kunst, den Kunden fühlen zu lassen, dass er ein König ist.

  3. Ein sehr interessanter Blog-Text, liebe Corinne!
    Aber habt Ihr Euch denn am Ende „gefunden“, Du und der Tätowierer? Und ist somit etwas „Gutes und Neues“ entstanden? Ich hoffe es doch sehr 😉

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