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Es werde Geld!

Foto: Es werde Geld!

Geld bestimmt unser Leben. Wer daran noch gezweifelt hat, ist die letzte Woche eines Besseren belehrt worden. Die Aufhebung des Euro-Franken-Mindestsatzes hat den Glauben in den sicheren Hafen Schweizer Franken erschüttert. Nicolas Hayek befürchtet einen Tsunami für die ganze Schweiz. Dass es wirklich dramatisch war, zeigte sich daran, dass 20 Minuten einen Liveticker führte und die SBB Schweizer Shopper in Extrazügen nach Deutschland verfrachtete.

Es gab keinen besseren Zeitpunkt für einen Ausflug ins Stapferhaus nach Lenzburg als nach diesem Geldtsunami. Das Stapferhaus ist bekannt für seine partizipativen Ausstellungen zu aktuellen Themen. Die Ausstellung „Entscheiden“ musste mehrmals verlängert werden. Mit der neuen Ausstellung „Geld. Jenseits von Gut und Böse“ hat sich das Stapferhaus selbst übertroffen und prophetisch die Aktualität seines Themas vorausgesehen.

Nur eins muss gesagt sein: Ein klassischer Ausstellungsbesuch ist es nicht. Es fängt damit an, dass beim Eingang kein Eintrittsgeld (!) verlangt wird. Nachdem der Besucher einen steilen Aufstieg auf einer Himmelsleiter hinter sich hat, eröffnet sich ein himmlisches Geldparadies: Die Schweizer Frankennötli wachsen dort von den Paradiesbäumen. (Selbstverständlich gibt es keine Euro im Paradies). Dazwischen fliesst der immerwährende paradiesische Geldfluss. Der Mensch im Geldparadies vernimmt eine Stimme von oben: „Nichts ist unmöglich“ und später „Es werde Geld!“

In der Mitte des nächsten Raumes sticht zuerst ein Altar hervor. Gläubige knien vor dem BIP (Bruttoinlandprodukt), das hier als absoluter Massstab des Glücks verehrt wird.

Auf einem Triptychon hinter dem Altar sind wunderschöne Bilder vom Evangelium des ewigen Wachstums zu sehen. Plötzlich staunt der Besucher: Das ist kein Museum über Geld, sondern eine Kirche zu Ehren des Geldes.

Im Seitenschiff sind farbige Kirchenfenster zu sehen, auf denen der Gläubige andächtig Bilder betrachtet und sieht, wie Geld Wunder bewirkt. In aller Ehrfurcht betrachtet der Gläubige die Reliquien dieser Kirche: Eine Luxus-Handtasche für mehrere Tausend Franken. Daneben ein Kilo feinster Bergkäse für einen Bruchteil des Geldes. Wertmässig empfindet der hungrige Gläubige im Moment gerade umgekehrt.

Der zweifelnde Gläubige merkt schnell: In dieser Kirche ist Vieles jenseits von Gut und Böse. Da kommt etwas stille Meditation gerade recht. Jeder Gläubige kann sich in dieser Kirche für eine Meditation in einen Raum der Stille zurückziehen. Auf Millionen von Fünfräpplern (im Wert von 200‘000 Franken) liegend kann der Gläubige hier zur Ruhe kommen (und im Geld schwimmen). Eine tiefe männliche Stimme animiert: Tief ausatmen und einatmen, was hat das Geld für einen Wert?

An alles ist in dieser Kirche gedacht: Alle, die sich nicht wagen über ihr Geld zu sprechen, können in speziellen Beichtstühlen dank seelsorgerlicher Verschwiegenheit ihre Einkünfte beichten. Nach einer Weile ist es Zeit für die Predigt. Auf der Kanzel: Wirtschaftsexperten aller Couleur. Einer meint: Statt Gott steht in der Kirche des Geldes Mammon. Nach dieser Predigt fehlt nur noch das Amen.

Ein Tempel für Mammon? Dies ist die Provokation dieser Ausstellung des Stapferhauses.

Die Provokation ist geglückt und vollkommen richtig. Geld ist Glaubenssache.

Das Papier selbst hat keinen Wert. Auch der Besucher muss bekennen: Ich glaube an das Geld (vor allem an den Schweizer Franken). Auf seiner Wallfahrt wird der zweifelnde Gläubige den Eindruck aber nicht los, dass diese Kirche des Geldes völlig vor-aufklärerisch und vor-reformatorisch ist.  Uns dummen Gläubigen bleibt nichts anders übrig als den Wirtschaftsexperten zu glauben und das Wachstum zu verehren. Wie würde eine reformierte Geldkirche aussehen?

Statt beim Eingang einen Eintritt zu bezahlen, wird am Ausgang eine Kollekte für die Ausstellung gesammelt. Jeder Gläubige kann selbst entscheiden, was ihm die Ausstellung wert ist: Von ,Eingeladen‘ bis zu 100 Franken liegt alles drin. Unbezahlbar ist leider keine Option.

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