Beitragslink

2

Freiheit, die ich meine

Foto: Freiheit, die ich meine

Ein pensionierte Berufskollege meinte vor einiger Zeit, er habe den Eindruck, dass die Menschen mit der heutigen Freiheit überfordert seien. Denn letztendlich müsse der Mensch aufgrund der erreichten Freiheit immer mehr entscheiden und das falle vielen zunehmend schwer.

«Ja,» dachte ich, «so frei wie wir, lebte wohl keine Generation vor uns.»

Wir können leben, wie wir wollen. Es ist unser Entscheid, ob wir Kinder haben wollen oder lieber nicht, was vor hundert Jahren keine ernsthafte Option war, allenfalls Schicksal. Wir können heiraten wen wir wollen oder es sein lassen. Wir können selbst entscheiden, welchen Beruf wir erlernen und müssen kaum mit familiärem Widerstand rechnen, auch wenn es eigentlich einen Familienbetrieb gäbe, den wir in der vierten Generation weiterführen könnten.
Andererseits, so mein Eindruck, lassen wir uns in unserer Freiheit beschneiden oder schränken sie selbst ein: Stress am Arbeitsplatz und Angst um denselben, Familie und Beruf unter einen Hut bekommen, Kalorien zählen, ausgeklügelte Trainigspläne, gesund essen, nicht über die Stränge hauen,  … Unsere Freiheit ist bei vielen von einem andauernden schlechten Gewissen begleitet. Und obwohl uns der Individualismus über alles geht, obwohl wir kaum noch gemeinsam essen oder feiern – schon gar nicht Gottesdienste – weil jeder seine eigene Lebensweise pflegt, leben wir doch alle ziemlich ähnlich. Die Freiheit, so scheint mir, engt uns ein.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann hatten wir auf der einen Seite weniger Freiheiten: Grünflächen wurden mit Schildern vor Kindern geschützt, auf denen «Rasen betreten verboten» stand. Auf der anderen Seite war es kein Problem, in einem Auto mit fünf Plätzen auch mal acht Leute zu transportieren oder auch sonst einmal fünfe gerade sein zu lassen.

Manchmal frage ich mich, was eigentlich passiert ist, dass wir heute so grosse Freiheiten haben, aber sie nicht wirklich nutzen.

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (0)
  • berührend (0)
  • lustig (0)
  • nachdenklich (12)
  • wichtig (3)
  • fragwürdig (3)
  • langweilig (0)

2 Kommentare

  1. „was nützt nech dfreiheit, we dr nid frei heit?“ wurde einst gefragt. „was nützt nech dfreizit, we dr nid frei sit?“ könnte man auch fragen. die frage ist weniger, was passiert ist, sondern mehr, was nicht passiert ist. in den erwähnten freiheiten sind wir soweit frei, als wir zur freiheit befreit sind.

  2. luke gasser hat einen neuen film gedreht. paulus kommt darin schlecht weg: er unterscheide zwischen erwählten und verworfenen, und lasse die menschen als sünder zu kreuze kriechen. wenn Sie fragen, „was eigentlich passsiert ist“, sehe ich eine antwort im nicht suchen der ursprünglichsten wahrheit. ist der tod besiegt (1kor 15), ist alles besiegt. wo ist dann noch eine trennung? es ist nicht möglich, dass zwei einander vollständig von angesicht zu angesicht schauen (1kor 13), wenn noch irgendwo der gedanke ist, sie seien die erwählten und andere die verworfenen. von paulus stammt das wort: „zur freiheit hat uns christus frei gemacht“ (gal 5,1), zur belebenden selbstbegrenzung.

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.