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Freundschaft im Altersheim

Foto: Freundschaft im Altersheim

Nun war der Tag gekommen, an dem Hedi ins Altersheim musste. Sie wollte das nie. Wer schon? Hedi ist 89-jährig, seit vielen Jahren verwitwet. Es war nicht mehr zu verantworten, alleine zu Hause zu wohnen. Ihre zwei Kinder unterstützten sie, wo sie nur konnten. Doch es ging einfach nicht mehr. Hedi tat sich mit dem Gehen immer schwerer, bis die Beine ganz versagten. Im Altersheim ersetzt ihr der Rollstuhl das Gehen. Die Beine sind schwach geworden, jedoch arbeiten ihre Hirnfunktionen einwandfrei. Immer wieder erstaunt sie die Leute, mit ihrem wachen Geist.

Das Zimmer, in welches Hedi einquartiert wurde, war eigentlich als Ehepaar-Zimmer gedacht. Es ist das Grösste im Altersheim und war das Einzige noch Verfügbare. Man plante, in Zukunft daraus ein Zwei-Frauen-Zimmer zu machen.

Einige Zeit später, bekam sie eine Zimmer-Mitbewohnerin. Erika, 74-jährig, seit Jahren Witfrau. Ihre drei Kinder kommen sie regelmässige besuchen. Hedi und Erika wohnten im selben Dorf. Die Eine auf der Westseite des Dorfes, die Andere auf der Ostseite. Sie wussten von einander, kannten sich jedoch nicht näher. Unsicher begrüsste man sich, die Begegnung war ängstlich. «Öb das ächt guet goht, mit eus zwoi?», fragten sich wohl beide.

Erika ist im Kopf nicht mehr ganz fit. Sie vergisst Vieles und bringt Sachen durcheinander. Aber ihre Beine sind stark und tragen sie überall hin. Die Hirnfunktionen sind schwach geworden, jedoch tragen sie ihre Beine, wohin sie auch möchte.

Die beiden Seniorinnen merkten schnell, was der Einen fehlt und was bei der Anderen funktioniert: Was die Eine nicht kann, macht die Andere. Sie ergänzen sich wunderbar. Erika schiebt den Rollstuhl von Hedi überall hin, sie machen alles gemeinsam. Hedi hilft Erika bei Kopfarbeiten und antwortet für sie, wenn Erika nicht kann. Die beiden Frauen haben neues Lebenselixier erhalten. Beiden gefällt es im Altersheim nun so gut, dass sie nicht mehr nach Hause möchten. Eine Freundin gefunden zu haben, die derart gut zu einem passt, macht beide glücklich. Es ist ein Segen und ein Geschenk – auch für ihre Kinder.

Ein zuverlässiger Freund ist wie ein sicherer Zufluchtsort. Wer einen solchen Freund gefunden hat, der hat einen wahren Schatz gefunden. Er ist nicht zu bezahlen und mit nichts aufzuwiegen. Sirach 6,14-15

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1 Kommentar

  1. Ein schöner Beitrag und eine schöne Geschichte. Trotzdem finde ich es nicht korrekt, dass zwei derart betagte Leute in ein Zweierzimmer gesteckt werden. Keine Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit. Finde ich fürchterlich. Sind ja keine Teenager mehr im Klassenlager, oder…?

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