Beitragslink

2

«Gell, du arbeitest nur sonntags?»

Foto: «Gell, du arbeitest nur sonntags?»

«Gell, du arbeitest nur sonntags?» Diese Frage stellte mir eine Frau mittleren Alters, die ich eben am Fest einer Freundin kennengelernt hatte. Wir waren in der Gesprächsphase «Was-arbeitest-du?», und als wir darauf kamen, dass ich Pfarrerin bin, war ihre Neugier geweckt. Ihre erste Frage war: «In dem Fall arbeitest du nur sonntags, oder?» und als sie meine Irritiation bemerkte, fügte sie schnell hinzu: «Also ausser natürlich die Vorbereitung zum Gottesdienst, die musst du ja auch noch machen.»

Ich musste einen Moment nachdenken und überlegen, wie ich ihr erklären kann, was ich denn die ganze Woche so mache.

Ja wirklich, was mach ich denn so den ganzen Tag?:

Morgens zum Beispiel:

  • E-Mails und Telefonate beantworten
  • an einer Teamsitzung teilnehmen oder
  • Konfunterricht, Gottesdienst oder sonstwas vorbereiten
  • Gottesdienst im Altersheim halten

Nachmittags zum Beispiel:

  • eine Beerdigung halten
  • ein Seelsorgegespräch führen mit einem Menschen, der in seelischer, finanzieller, psychischer, physischer, sozialer, religiöser oder anderer Not ist
  • einen Geburtstagsbesuch machen
  • einen Kleinkindergottesdienst feiern
  • Konfirmanden unterrichten

Abends zum Beispiel:

  • ein Traugespräch für eine Hochzeit, ein Taufgespräch oder ein Trauergespräch führen
  • teilnehmen an einer Strategischer Sitzung der Kirchenpflege oder einer Kommission

Und an den Wochenenden zum Beispiel:

  • einen Gottesdienst feiern
  • Familienanlässe organisieren
  • Konfirmandenweekends durchstehen
  • dabei sein an öffentlichen Anlässen

Dazu kommen noch zeitlich begrenzte Projekte: Kampagnen, Kursreihen und ähnliches.

Der Pfarrberuf ist extrem vielseitig. Gottesdienste feiern ist wichtig und doch nur ein kleiner Teil des Pfarrerseins.

 

Dass ich übrigens nicht die einzige bin, von der man denkt, sie arbeite nur sonntags, erfuhr ich auch von einem Pfarrkollegen: Als er in einer Gemeinde die Pfarrstelle übernahm kam der Förster in der Adventszeit zu ihm und erklärte ihm, dass es üblich sei, dass der Pfarrer mit dem Förster die Weihnachtstanne im Wald hole. Auf die Frage meines Kollegen hin, warum das so sei, meinte dieser: Ja der Pfarrer ist denk der einzige, der Werktags Zeit hat!

Logisch!

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (4)
  • berührend (0)
  • lustig (26)
  • nachdenklich (8)
  • wichtig (7)
  • fragwürdig (0)
  • langweilig (0)

2 Kommentare

  1. beim wandeln auf dem wasser, das seit diesem wochenende in iseo zelebriert wird, geht es, finde ich, mit erich fromm gesagt, um „die seelischen grundlagen unserer gesellschaft“. soweit unsere arbeit ein wandeln auf dem wasser auf dem land ist, ist sie menschenfreundlich und umweltfreundlich. und wir brauchen in unserer freizeit, die dasselbe sein kann, keine menschen- und umweltbelastende kompensation. bisher habe ich von kirchlicher seite dazu nichts wahrgenommen. vielleicht liegt das an der meinung, das sei etwas, was nur jesus kann. ich glaube eher nicht, dass er auf dem see genezareth gewandelt ist. es ist eine urerfahrung. wenn wir bedenken, was das wasser in den religionen und nicht-religionen für eine bedeutung hat, würde sich doch ein versuch lohnen. bei mir geht es am besten in baumwollsöckchen auf meinem naturteppich. es ist aber möglich, wo immer wir gerade sind. und das wünsche ich Ihnen sonntags und werktags.

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.