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Glaubenswelten

Foto: Glaubenswelten

In den Zwangsgemeinschaften einer Gefängniszelle treffen nicht nur kulturell und sozial verschiedene Lebenswelten aufeinander, sondern natürlich auch unterschiedliche Glaubensformen/Religionen. Unlängst traf ich in einer provisorischen Doppelzelle, mit einer zusätzlichen Matratze auf dem Boden erweitert, auf ein spannendes Duo. Der eine ist ein Schweizer, der andere stammt aus Israel. Beide widerspiegeln das, wie ich Christen häufig erlebe und mir Juden vorstelle: Der Schweizer ist Mitglied einer Landeskirche, zahlt Kirchensteuer, und seine Kinder sind getauft und konfirmiert resp. gefirmt. Er habe nach Gottes Geboten gelebt, glaubt er, und darum könne er nicht verstehen, dass er nun im Gefängnis sein müsse, erklärt er mir. An einen Gott, der ihn nicht vor dem Gefängnis bewahrt habe, könne er jedenfalls nicht glauben.

Der Jude ist in seinem Vertrauen an einen allmächtigen Gott unerschütterlich und tut das mit Eifer kund. Gott führt nicht ins Verderben, er begleitet durch das Verderben hindurch.

In der halben Stunde, die ich mit den beiden Männern in ihrer Zelle verbringe, erzählt der Jude alles, was seine Glaubens-Geschichte ausmacht: von Mose über Josef und seine Brüder bis hin zum König David zeigt er Gottes Heilshandeln auf. Gefängnisaufenthalte erscheinen darin wie Bausteine und Lebensprüfungen auf dem Weg zu einem erstrebenswerten Ziel.

Ich empfinde eine Mischung aus Neid und Anerkennung, aber auch etwas Zurückhaltung gegenüber dem missionarischen Feuer in dieser flammenden Rede. Oder muss sich dieser Mann, der so fern seiner Heimat  mit den Gesetzen in Konflikt geraten ist, selbst Mut zusprechen? Ermutigen ihn die Erinnerung und das Erzählen der uralten und für das jüdische Volk so wichtigen Geschichten, diese Zeit im Gefängnis überhaupt durchzustehen?

Mich nimmt vor allem Wunder, welche Auswirkung die gemeinsame Zeit dieser beiden Männer auf den Glauben des Schweizers haben wird!

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