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„Herr Pfarrer, sagen Sie nichts von Gott“

Foto: „Herr Pfarrer, sagen Sie nichts von Gott“

Nach 15 Jahren im Pfarramt ist es endlich passiert. Die Tochter der Verstorbenen sagt: „Wir wollen auf keinen Fall, dass Sie an der Abdankung unserer Mutter etwas von Gott sagen. Und bitte beten Sie nicht!“ Sie schiebt mir ein Papier zu: „Wir möchten, dass Sie stattdessen diesen Text von Max Frisch vorlesen.“

Eigentlich sollte ich laut lachen. Meine Aufgabe ist es ja gerade, den Bezug zu Gott herzustellen und zu beten. Für alles andere gibt es freischaffende Grabredner. Genau das sage ich ihr.

Sie schaut ihren Bruder an: „Was meinst du?“

Er: „Ähm…“

Sie zu ihm (als wäre ich nicht da): „Wir haben vorher abgemacht, dass er nichts von Gott sagen soll!“

Er: „Ach komm, lass ihn doch.“

Sie zu mir: „Ich finde das Gerede vom angeblich liebenden Gott so schlimm, dass ich es nicht ertrage.“

Ich: „Das kann ich akzeptieren. Aber dann bin ich die falsche Person für Sie. Wir können das Gespräch hier beenden.“

Die beiden schauen sich lange an.

Er: „Ach komm, lass ihn doch. So schnell finden wir keinen anderen.“

Sie zu mir: „Wissen Sie, als Jugendliche im Konfirmandenunterricht mussten wir Bilder von Prominenten aus Illustrierten ausschneiden. Der Pfarrer klärte uns auf, wer von denen in den Himmel kommt und wer in die Hölle. Brigitte Bardot beispielsweise kommt in Hölle, behauptete er. Wir mussten sie entsprechend aufkleben.“

Ich: „Von diesem Pfarrer hätte ich meine Mutter nicht beerdigen lassen. Der tut ja so, als wäre er Gott.“

Die beiden schauen mich mit grossen Augen an.

Ich: „Ich habe nicht vor, über das Leben Ihrer Mutter zu richten. Im Abdankungsgottesdienst danken wir Gott für ihr Leben und für alles, was sie Ihnen geben hat. Wir bitten um Vergebung, wo wir einander zu wenig geliebt haben. Die Predigt soll den Anwesenden Mut geben für den weiteren Lebensweg.“

Sie nimmt tief Luft und lächelt: „Also das kann ich mir schon vorstellen.“

Er zu ihr: „Ich habe ja gesagt, wir sollen ihn machen lassen.“

 

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3 Kommentare

  1. „Wir können das Gespräch hier beenden“ – doch eigentlich fängt das Gespräch in diesem Moment erst richtig an. Gerade jetzt muss doch nachgefragt werden: Welche Vorstellungen von Gott, von einer kirchlichen Abdankung, welche Befürchtungen und welche Erfahrungen mit Kirche stecken hinter den Aussagen der Angehörigen? Glücklicherweise kommt dies dann doch noch zur Sprache, sonst wäre es eine verpasste Chance gewesen.

  2. Schön, dass man zu einer Einigung kam.

    Und
    ‚Ich: „Das kann ich akzeptieren. Aber dann bin ich die falsche Person für Sie. Wir können das Gespräch hier beenden.“‘ -> finde ich super und mutig, so dann auch für seinen Glauben einzustehen!

    • da bin ich etwas erschrocken. was sie eben gesagt hat, ist nicht gerade oberflächlich. wenn der pfarrer das akzeptieren kann, ist er doch, fand ich, die richtige person. ich bin nicht vdm (verbi divini minister, wie die ordinierten pfarrpersonen heissen), sondern vondermaus (mein facebook-username, weil ich, was ich auf dem pc kann, meiner internetsekretärin maus verdanke) – aber angenommen, sie würde darauf beharren: diese irgendwie doch ehrliche aussage würde mich motivieren, das von ihr nicht erwünschte wort nicht zu verwenden und die von ihr nicht erwünschte tatigkeit wegzulassen. aber es kam ja anders.

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