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Ich brauche Lebenshilfe, nicht Sterbehilfe

Foto: Ich brauche Lebenshilfe, nicht Sterbehilfe

Es war meine schlimmste Beerdigung. Fast.

Aber gehen wir der Reihe nach:

Das Trauergespräch findet in der Wohnung eines Sohnes der Verstorbenen satt. Noch bevor er mir die Hand gibt, stellt er klar: „Meine Schwester und mein Bruder können nicht dabei sein. Sie arbeitet und er sucht im Möbelgeschäft einen neuen Tisch aus. Ich habe auch nicht viel Zeit.“ Er sagt es so, als habe er eine interne Ausscheidung verloren und müsse nun in den sauren Apfel beissen. Der saure Apfel bin ich. Dass den engsten Angehörigen dieses Gespräch so wenig wert ist, habe ich noch nie erlebt.

„Kommen wir gleich zur Sache“, fährt er fort, als wir uns setzen. „Meine Mutter ist mit der Sterbehilfe-Organisation Exit gestorben. Wir haben sie darin unterstützt. Letzten Mittwoch kam eine Frau mit dem Sterbemittel zu ihr nach Hause. Ich war da und eine Nachbarin. Als sie das Mittel einnahm, sind wir in die Küche gegangen und haben aufgeräumt. Danach war sie tot. Ein Arzt kam noch und ein Polizist, damit alles mit rechten Dingen zugeht.“ Er macht eine kleine Pause. „Wissen Sie, unsere Mutter hatte unsägliche Schmerzen. Sie hat sich das lange und gut überlegt.“

Ein paar Tage später findet die Beerdigung statt. Als ich eintreffe, ist niemand am vereinbarten Ort. Die kleine Gesellschaft steht verloren in einer Ecke des Friedhofs. Von Trauerstimmung keine Spur. Etwa zwanzig Schritte weiter weg befindet sich das Grab.

Dort stehen zu meiner Verblüffung vier Teenager und weinen. Ihre Arme haben sie sich gegenseitig um die Schulter gelegt.

Offenbar sind es die Enkel der Verstorbenen. Einen kenne ich. Ich gebe allen die Hand und stelle mich vor. Es sind kalte Hände, ausser die der Jugendlichen.

Ob es wirklich die körperlichen Schmerzen allein waren, welche die Frau dazu bewogen haben, ihr Leben aktiv zu beenden oder nicht auch die Beziehungslosigkeit und Gefühlskälte innerhalb der Familie, die mir wie ein Todeshauch entgegenschlugen? Ich werde es nie erfahren. Die drei Geschwister haben mir zu verstehen gegeben, dass sie keinen weiteren Kontakt wünschen. „Wir sind aus der Kirche ausgetreten.“

Bei den Enkeln hingegen spürte ich wieder Leben. Bei ihnen machten sich Gefühl, Anteilnahme und Verbundenheit breit. Dort am Grab waren sie für mich wie Lichter in der Dunkelheit.

Jetzt, wenn ich die ersten Adventskerzen sehe, kommt mir dieses Erlebnis in den Sinn. Es braucht mehr als Symbole für Wärme, Liebe und Frieden, wenn Terror, Tod und Dunkelheit über die Welt kriechen. Es braucht Menschen, die danach leben. Diese Enkel spornen mich an.

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4 Kommentare

  1. Ganz bemerkenswert und zum Nachdenken…den Jugendlichen wollen wir Positives aufzeigen und zu spüren geben, gerade wenn die Weltnachrichten so belastend sind.

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