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„Ich han nüt verpasst“

Foto: „Ich han nüt verpasst“

Heute besuchte ich einen ehemaligen Wirt, der von Glück sagen kann, dass er noch lebt. Ein Schicksalsschlag hätte ihn beinahe das Leben gekostet. „Gott isch en Wirt und het für ein zwenig gstuehlet gha im Himmel, drum bini hüt na da“, so erklärte er mir, warum er noch am Leben ist. Ja, er ist dankbar für jeden Tag, den er auf dieser Erde ist, auch wenn sein Leben gegenüber früher eingeschränkt ist. Sein altes Leben als Wirt musste er aufgeben. „Aber weisch, ich han glebt!“ erklärt er mir mit einem spitzbübischen Grinsen. Und er lebt auch heute noch. Jeden Moment, so wie es eben geht.

Ich bewundere ihn. Wenige Menschen können zufrieden mit weniger leben, als sie vorher hatten. Und wer von uns wäre bereit zu gehen, wenn es dann soweit sein sollte?

Diese Fragen gingen mir noch nach, als ich mich nach meiner Beizentour mit ihm nach Hause fuhr. Vielleicht ist es heutzutage deshalb so wichtig, uralt zu werden, weil wir so, wie wir leben vom Leben nie genug bekommen. Von allem muss man mehr haben. Es muss noch besser werden. Noch einzigartiger. Noch spezieller. Unsere Lebensweise macht uns nicht lebenssatt sondern nur noch Hunger auf mehr: Darum soll das Leben hier auf der Erde jetzt schon ewig sein.

Wer nie satt wird, kommt nie an den Punkt im Leben, wo er sagen kann: Es war ein reiches Leben, ich habe gelebt, und es ist auch ok, wenn ich jetzt sterbe.

Doch wie wird man lebenssatt? Wer wirklich lebt!

Es sind Menschen, wie dieser ehemalige Wirt, die nicht ständig an der Vergangenheit kleben, oder dauernd Zukunftspläne machen, was noch alles kommen soll. Es sind Menschen, denen es oft gelingt, ganz im Augenblick leben. Und in jedem Moment das (Wert-)Volle sehen, selbst wenn es für den Rest der Welt unbedeutend erscheint.

Es sind Menschen, die auch mal grosszügig mit sich selbst sind. Sich Genuss gönnen. Und ganz im Moment sind. Das tönt vielleicht nach schönen Gedankenschlössern, darum versuche ich es zum Schluss noch anders:

Was würden Sie bereuen, wenn Sie heute sterben müssten? Holen sie es nach. Bald.

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2 Kommentare

  1. ja ich versuche einmal im tag das tempo zu reduzieren: 15 min meditation. ganz bei mir ankommen. mein herz klopfen hören und wissen: ja ich lebe! ist schwierig. aber hilft mir bewusster zu leben.

  2. Super geschrieben und interessante Gedanken.
    Es kann so schnell gehen….darum denke ich auch es geht ums Leben im Hier und Jetzt und nicht immer darum,was alles noch sein könnte….aber es ist nicht immer einfach das vor lauter Schnelllebigkeit nicht zu vergessen.

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