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Ich möchte nicht mehr warten!

Foto: Ich möchte nicht mehr warten!

Ein ungefähr 90-jähriger Mann aus meiner Kirchgemeinde hatte mich zu sich gebeten. Er wolle mit mir sprechen, hatte er gesagt. Mehr nicht. Als ich bei ihm war, kam er schnell zur Sache:

Herr Pfarrer, ich möchte sterben. Ich möchte nicht mehr warten!

Geduldig habe ich ihm zugehört, versucht mich in ihn hineinzuversetzen. Er hat mir die Unterlagen gezeigt, die er sich von Exit hat schicken lassen und mir erzählt, dass er vom Leben ja nichts mehr zu erwarten habe. Seine Frau sei schon vor einigen Jahren gestorben, seine Freunde und Bekannte würden auch immer weniger und in der Zwischenzeit seien sie fast alle so gebrechlich, dass sie fast nur noch miteinander telefonieren könnten. So möchte er nun nicht mehr warten, auch nicht auf den Tod.

Wir haben das Warten verlernt,ging es mir durch den Kopf.

Ich habe das Warten verlernt!

Wenn eine Zugsverbindung nicht optimal passt, dann nehme ich das Auto. Staus machen mich nervös. Wenn mein Gegenüber in Diskussionen nicht sofort antwortet, sondern im Kopf noch an seiner Formulierung feilt, dann werde ich unruhig.

Auch in unserer Gesellschaft stelle ich das fest: Fastfood reduziert das Warten aufs Essen. Arbeitsaufträge sollten am besten schon gestern erledigt worden sein. Weihnachten beginnt im Advent und endet schon, wenn es eigentlich erst anfängt.  Aus dem Karsamstag wird der Ostersamstag, weil Warten auf Ostern anstrengend ist und die Osterhasen stehen gleich nach der Fasnacht schon in den Läden.

In den Ferien gelingt es mir hin und wieder, bewusst zu warten, auf die Weiterreise, das Essen im Restaurant, darauf, dass meine Kinder auf dem Spielplatz fertig gespielt haben. Vielleicht gelingt es mir ja auch in der Passionszeit, die gerade begonnen hat:  Zu warten, was kommt. Zu warten auf das Fest der Auferstehung. Und später, wenn ich mal alt bin und nicht mehr mag, zu warten auf den eigenen Tod!

 

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1 Kommentar

  1. …mit grosser Zustimmung gelesen – wann haben wir das Warten verlernt? Und: wenn wir es wirklich verlernt haben – können wir es neu und wieder lernen? Und wenn wir es können – wie soll das gehen? Im Sinne von: Herr: gib mir Geduld! Aber zackig!!!

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