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Im Gegenwind stehen

Foto: Im Gegenwind stehen

Ich habe im Wort zum Sonntag am Schweizer Fernsehen zur Flüchtlingstragödie im Mittelmeer gesprochen. Keine besonders neuen oder scharfsinnigen Gedanken, aber ich wollte eine einfache, klare, Botschaft senden: Christliche Nächstenliebe verlangt, dass wir uns dem Elend dieser vielen Geflüchteten nicht verschliessen. Ein Kontrapunkt zu der latenten Dichtestress-Stimmung im Land, ganz simpel  – keine Lösungsvorschläge, nur der Wunsch, der grossen Ratlosigkeit wenigstens die Kräfte des Herzens entgegenzustellen. Zu meiner Verwunderung kam der Vorwurf, es sei eine rein politische Rede gewesen. Jemand schrieb mir ausserdem: „Es wird sonst genug über diese Probleme diskutiert, ohne dass sie in den paar Sendeminuten auch noch von der Geistlichkeit breit gedroschen werden.“

Na dann. Die Geistlichkeit darf also nicht mehr zur Nächstenliebe aufrufen, das ist nicht nur naiv, sondern politisch tendenziös. Und es ist auch zu wenig erbaulich, man möchte am Samstagabend nicht mit den Problemen belästigt werden, die die ganze Woche in der Zeitung standen.

Dann aber auch dies: Eine Frau rief mich an, die sich von meinem Votum direkt angesprochen fühlte. Sie habe eine Unterkunft zur Verfügung und wolle gerne Flüchtlinge unterbringen, wisse aber nicht recht, wie weiter vorgehen. Ich konnte ihr die Lösung nicht sagen, habe aber mit ihr zusammen überlegt und ihr Tipps gegeben, denen sie nachgehen will. Schon allein die Verbundenheit im Anliegen gibt Kraft. Eine zweiundneunzigjährige Frau schrieb mir eine Karte, in pittoresker, kunstvoller Handschrift dankte sie mir und drückte mir ihre Verbundenheit im Geiste aus.

Ich lerne bei diesem Amt, im Gegenwind zu stehen. Ich habe mich davor gefürchtet, aber ich lerne, dass es geht. Und viele Zeichen der Verbundenheit, die ich auch bekomme, lehren mich: Es gibt noch viele, die Narren für die Hoffnung sein möchten.

 

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