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Ist Selbstmord ok?

Foto: Ist Selbstmord ok?

Ich durfte einen Gastblog schreiben, den ich hier auch veröffentliche:

http://wp.me/p5xLjz-Hn

Ich schreibe diesen Blog zwar als Pfarrerin, mehr aber aufgrund der Erfahrung, die ich gemacht habe, als ich kürzlich eine Frau in den Freitod begleitete. Meine Sichtweise ist also eine nur meine ganz persönliche, die sich aufgrund dieser einzelnen Erfahrung verändert hat.

Bisher hielt ich einen begleiteten Selbstmord in ausserordentlichen Fällen für „ok“: Wenn das Leiden grösser ist als der Lebenswille…welche andere Lösung kann es da noch geben? Doch nach der Begleitung dieser Frau bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Ich lernte sie in den letzten Wochen ihres Lebens kennen und bekam einen Einblick in ihr von körperlichen und psychischen Krankheiten geprägtes Dasein. Es gab nur noch Aussicht auf Verschlechterung, und darum verstand ich sie, als sie mir sagte: „Ich kann und will so nicht weiterleben. Ich will nicht als Pflegefall enden und wer weiss wie sterben müssen!“ Ich spürte aber bei meinen Besuchen, dass neben den unheilbaren Krankheiten noch mehr war, das sie quälte: Ihre Einsamkeit, ihr Gefühl nicht verstanden zu werden, misslungene Beziehungen zu ihren Mitmenschen und das Gefühl, keinen Nutzen mehr für diese Welt zu haben. Für sie war ihr Leben ein Leben in einer Sackgasse. Und der selbstgewählte Tod erschien ihr als Ausweg.

Ich vermute, dass es letztlich ein Schamgefühl war, das ihren Todeswunsch nährte: Die Scham für ihre Bedürftigkeit, ihre Beziehungslosigkeit, ihr Angewiesensein auf andere. Sie konnte und wollte sich in dem Zustand, in dem sie sich befand, ihrer Umwelt nicht mehr zumuten.

Falls meine Vermutung wirklich stimmt, kann ich dem Selbstmord als tolerierte Option in unserer Gesellschaft nicht mehr so einfach zustimmen. Bringt sich da nicht plötzlich jemand um, weil er selbst für untragbar, für unzumutbar hält? Scheidet er aus dem Leben, weil er sich schämt, sich seinen Mitmenschen so zu zeigen, wie er ist: Unselbständig, hilfsbedürftig und abhängig? Hat Hilfsbedürftigkeit in unserer Gesellschaft, welche die Autonomie des Einzelnen zum höchsten Gut erhoben hat, keine Berechtigung mehr?

Ich verstehe den Menschen nicht als ein autonomes, freies Individuum, sondern als  gemeinschaftliches Wesen, eingebettet in ein Beziehungsnetz, angewiesen und abhängig von anderen Menschen. Von Geburt an bis in den Tod. Wenn ein Mensch also den Wunsch hat zu sterben, hat er wahrscheinlich seinen Blick für sein Beziehungsnetz, das ihn prägt und trägt verloren. Oder umgekehrt: Seine Mitmenschen haben den Blick auf das Tragende und Verbindende verloren und ihn aufgeben.

Und was sagt Gott zum Selbstmord?  

Ich weiss es auch nicht. Mit einem strafenden und autoritären Gottesbild habe ich persönlich eher Mühe. Warum sollte Gott den Menschen erschaffen, um ihn dann zu bestrafen, wenn er seiner Meinung nach versagt? Ich stelle mir das eher so vor, dass derjenige, der uns das Leben schenkt, es ausserordentlich bedauert, wenn wir mit dem Leben nicht zurechtkommen und ihm von selbst ein Ende setzen. Und ich glaube, dass wir in diesen extremen Lebenssituationen sein „Bei-uns–sein“ erfahren können. Wer dennoch bewusst aus dem Leben scheidet, den erwartet das, was uns wahrscheinlich alle erwarten wird: Der Rückblick auf das was war. Das Hinsehen auf unser vergangenes Leben, das vielleicht schmerzhafte aber auch heilsame Auflösen und Aufdecken von allem, was wir im Leben erreicht haben und auf das, was wir nicht verwirklicht haben.

Ich wünsche mir für unsere Zukunft, dass Menschen sich für ihre Lebenslage nicht schämen müssen. Und nicht aus dem Gefühl heraus „in einer Sackgasse zu sein“ aus dem Leben scheiden. Sondern dass sie ein Beziehungsnetz finden, das nicht über sie urteilt, sondern da ist, auch in schwierigen Lebenszeiten.

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2 Kommentare

  1. Ich frage mich, was können wir als Seelsorgerinnen tun, um so jemandem wirklich zu helfen? Sollen wir einfach Hand dazu bieten, den vordergründigen Wunsch nach dem Tod zu erfüllen oder können wir mehr tun,um den Lebenswillen eines solchen Menschen wieder zu fördern?

  2. wenn es mord ist, eine besonders niederträchtige weise des tötens, dann ist es nicht „ok“. sterbehelferInnen versuchen meines wissens immer zuerst herauszufinden, ob es das ist, was Sie beschreiben. etwas anderes sind dann jahrelange unzumutbare schmerzen, gegen die kein schmerzmittel mehr hilft. und anlässlich der kilmakonferenz darf vielleicht mit aller vorsicht nochmal eines gesagt werden: wir leben nicht nur in einer menschlichen umwelt. wenn ich Ihren text lese, kommt in mir die frage auf: wenn mein weiterleben einmal nur noch durch eine erheblich grössere belastung der natürlichen umwelt möglich wäre, käme ich vielleicht auf den gedanken, mein leben zu beenden. wäre das dann falsch?

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