Beitragslink

Ja sagen können

Foto: Ja sagen können

Als ich noch in der Ausbildung war, hat mich ein Religionsphilosoph des 17. Jahrhunderts – Baruch de Spinoza – mit seiner Ansicht geärgert, Freiheit sei die Einsicht in das unabänderlich Notwendige. Was für eine absurde Idee, frei sein bedeute nichts weiter, als sich zu fügen!
Die Jugend sieht Freiheit anders. Das Unabänderliche ist ihr sowieso verdächtig, Freiheit bedeutet Selbstbestimmung und Grenzenlosigkeit!

Nun bin ich zu Besuch bei einer alten Frau. Sie spricht langsam, aber gerade dadurch sehr klar. Sie erzählt von früher: von denen, die sie schon verloren hat; von allem, was zurückliegt und von dem, was noch bleibt. Dann lächelt sie. „Man muss ja sagen können“ fasst sie die vielen Abschiede zusammen, die sie gerade hat vorüberziehen lassen.

Die Ausstrahlung dieser Frau begleitet mich durch den weiteren Tag. In der Tat, diese Frau hat Freiheit erlangt, eine Freiheit, die vielen Menschen abgeht in ihrer Raffgier nach Leben. Sie strahlt Frieden aus und wirkt versöhnt mit sich selbst und ihrem Schicksal. Was mehr kann Freiheit sein?

Zu Hause lese ich seit langem wieder einmal über Spinoza nach. Und bin verblüfft: Er war Jude und wurde mit 23 aus der jüdischen Gemeinde exkommuniziert, weil er so abweichlerisch-ketzerische Ansichten hatte. Offenbar hat er nicht zu allem ja gesagt! sondern eben – nur zum unabänderlich Notwendigen. Vielleicht besteht die wahre Kunst darin, zu erkennen, was das in der eigenen Lebensgeschichte ist.

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (0)
  • berührend (0)
  • lustig (0)
  • nachdenklich (0)
  • wichtig (0)
  • fragwürdig (0)
  • langweilig (0)

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.