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Konfirmation ins Sterben

Foto: Konfirmation ins Sterben

Normalerweise konfirmiere ich Jugendliche «ins Leben hinein». Sie sind auf der Schwelle zum Erwachsenwerden und freuen sich auf das, was im Leben noch kommt.

Alle zwei Jahre aber feiere ich zusammen mit einer katholischen Schwester eine ganz spezielle Konfirmation / Firmung. Das ist eine gemeinsame Feier von katholischen und reformierten Jugendlichen mit kognitiven und körperlichen Behinderungen.

Die Lebensperspektive dieser jungen Menschen ist eine ganz andere: Einige von ihnen werden immer eine Begleitung im Leben brauchen, andere sind so schwere Pflegefälle, dass sie rund um die Uhr bewacht werden müssen und manche waren als Kind noch gesund und wild und haben nun eine Krankheit, die sie alles wieder verlernen und am Schluss in noch jungen Jahren sterben lässt.

Mich bewegt der ökumenische Unterricht mit diesen jungen Menschen. Besonders mit den Schwerstbehinderten. Es geht hier nicht darum, ihnen etwas beizubringen. Bei einigen wissen wir nicht einmal, wieviel sie von dem erfassen können, was wir mit ihnen machen. Ob sie uns hören und verstehen? Ob sie die Berührungen spüren? Ob sie etwas bewegt in unserem Zusammensein?

Die frohe Botschaft wird dann plötzlich ganz einfach und bescheiden: Es ist die Zusage Gottes. Gott ist da. Und er wirkt unter uns, in unserer Gemeinschaft. Und wir zeigen es ihnen im Licht, im Wind, im Wasser, in den Farben, in der Musik, den Gesten, Ritualen, Berührungen und der Stille. Mit allen Sinnen, die wir erreichen können.

In den Augenblicken, wo es mir gelingt, jedes Urteil und jede Meinung über die Situation und das Leben dieser jungen Menschen abzulegen, entstehen sie: Diese dichten Momente zwischen uns, wie ich sie sonst selten in meiner Arbeit spüre. Ich spüre Gott, sein Ja, zu dem, was in diesem Augenblick ist. Auch zu diesen Menschen, die in keiner Weise der Norm und den Erwartungen unserer Gesellschaft entsprechen. Ich spüre Gott in den Momenten, wo es nichts weiter mehr zu sagen gibt. Und wir einfach sind. Wir sind alle ganz da. Aufgehoben vom Einen. Ohne ein Gestern und ohne ein Morgen.

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2 Kommentare

  1. Das ist ein bewegender und nachdenklich machender Beitrag! Doch die Überschrift bereitet mir Unbehagen. In den Erfahrungen, die du beschreibst, ist doch genau Leben bis in seine tiefsten Abgründe hinein als lebenswert, von Gott gewollt und begleitet beschrieben. „Konfirmation zum Sterben“ nimmt das meiner Wahrnehmung nach nicht ernst genug und verlagert den Schwerpunkt.

  2. Liebe Corinne
    du hast Worte gefunden, die mir jeweils fehlen um Gottes Nähe zu beschreiben. Vielen Dank.
    Liebe Grüsse
    Christiana

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