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@Madame de Sévigné

Foto: @Madame de Sévigné

Sehr geehrte Marquise de Sévigné,

Sie waren zeitlebens eine begeisterte und treue Briefschreiberin. Mit Humor und grosser Beobachtungsgabe haben Sie Ihren Freunden und Ihrer Familie geschrieben und wurden dadurch zu einer kostbaren Zeitzeugin des französischen Hofes zur Zeit des Sonnenkönigs Louis XIV..

Ob Sie – werte Dame – in der heutigen Zeit wohl auf die Tastatur eines Computers zurückgreifen und Ihre Gedanken einem Blog oder E-Mails anvertrauen würden, statt sie mit Papier und Tinte festzuhalten?

Und würden Sie dabei auch auf Anrede oder Grusswort verzichten, wie heute zunehmend bei E-Mails verbreitet, und ohne Schnörkel das Wesentliche mitteilen?

Im Alltag einer Pfarrerin sind der Computer und E-Mails zentrale Grössen. Informationen werden hin und her geschickt und empfangen. Dabei ist das CC-Feld eine grosse Verführerin. Es werden Informationen gestreut und ab und zu muss ich überprüfen ob mein Namen im „An“ steht oder nur im „CC“. Also wird eine Reaktion von mir erwartet, oder muss ich die Information nur lesen?

Dass in dieser Flut die Triage zwischen „nice to know“  und „need to know“ eine stete Herausforderung ist und zwar nicht für mich, fällt mir dadurch auf, dass man auf gewisse Mails gar keine Reaktion mehr bekommt. Es sind vor allem die Mails, wo man eine gewünschte Information weitergeschickt oder auf eine Frage geantwortet hat.

Ich habe mir angewöhnt, jeweils mit einem „Danke“ knapp auf das erhaltene Mail zu reagieren. Nicht zuletzt, damit der Absender weiss, dass ich sein Mail erhalten, gelesen und weiterverarbeitet habe. Und ich merke, dass mich etwas irritiert, wenn ich auf meine Mails keine Reaktion erhalte.

Aber vielleicht muss man sich einfach daran gewöhnen – in der Geschäftspraxis der USA, wird vorgelebt, dass man keine Zeit mehr für Anrede und Grusswort verwendet. Nein – sofort ist man in medias res.

Ist gewiss effizient – aber leben wir nicht auch von dem „wahrgenommen“ werden? Und nehme ich mein Gegenüber nicht erst wirklich wahr, wenn ich ihn oder sie mit dem Namen anspreche, liebe Grüsse übermittle und danke?

Ach, Mme de Sévigné, ich  möchte ja nicht in Ihrer Zeit leben – aber die Briefe, ja, die Briefe – die beinhalteten doch mehr Empathie und Menschlichkeit als viele unserer Mails!

Es grüsst Sie hochachtungsvoll – chère Madame – eine Bloggerin aus dem 21. Jahrhundert

(* Ihr richtiger Name war Marie de Rabutin-Chantal, sie lebte von 1626 bis 1696 in Frankreich)

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6 Kommentare

  1. durch weglassen von anrede und gruss kann ku entstehen. dieses japanische wort heisst übersetzt leere, was wir manchmal als negativ empfinden. die kuh ist aber symbol für fruchtbarkeit und kraft.

    • Lieber Michael Vogt – Leeren und Stille sind wichtig, kreativ und schöpferisch. Ja – da bin ich einverstanden und finde es wichtig. Aber in einem Mail?
      Liebe Grüsse, Nadine

  2. Liebe Nadine
    du sprichst mir aus dem Herzen. Ich erlaube mir ab und zu bei „Lesebestätigung anfordern“ ein Häckchen zu setzten. Das kann beruhigend wirken.
    Liebe Grüsse
    Christiana

    • Liebe Christiana
      Danke für Deine Zeilen – und ja – das Häckchen bei der Lesebestätigung finde ich eine gute Idee. Wenn ich Briefe / Infos als Attachement schicke, bitte ich auch manchmal um eine Bestätigung, weil ich sonst wie auf Nadeln bin, ob die Info auch angekommen. Liebe Grüsse, Nadine

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