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Mein schönstes Jugendjahr

Chor
Chor

Sept pains coupés, sept pains coupés, sept pains coupés – unzählige Male repetierte ich meinen „Postiauftrag“ am ersten Arbeitstag im „Foyer Africain Protestant“ in Brüssel. Ich musste sieben geschnittene Brote für das Frühstück der rund 20 Studierenden im Afrikanischen Studentenheim in der nahegelegenen Bäckerei einkaufen.

Es war das Jahr 1964, zwei Jahre zuvor erlangte der einst Belgische Kongo seine Unabhängigkeit. Für viele Kongolesen war es eine Zeit des Aufbruchs. Junge Frauen und Männer hatten die Gelegenheit in Brüssel zu studieren, schwedische Missionsgesellschaften zeichneten für das Studentenheim verantwortlich und vergaben Studierenden Stipendien. Vor allem aus Schweden kamen die weiteren „Au – Pair Frauen“, mit ihnen und mit Käthi aus Aesch/BL arbeitete ich knapp ein Jahr in dieser „internationalen Welt“: Ich wollte, nach der Lehre, mein Französisch verbessern und etwas von der weiteren Welt sehen und erleben. Zu meinen Aufgaben gehörte fast alles was in einem Haushalt an Arbeit anfällt, kochen, putzen, bügeln. Ich sehe mich noch an der Mange sitzen, Bettwäsche bügelnd und vis à vis erzählt ein Student von seiner Familie, von seinem Dorf, wie war das interessant ihm zuzuhören!

Bei dem gemeinsamen Arbeiten lernte ich auch Mme Henriette aus Burundi kennen. Ihre Kinder lebten in belgischen Internaten. Der Vater der Kinder war Franzose, er musste das Land aus Sicherheitsgründen verlassen, als Burundi unabhängig wurde. Er sorgte für eine gute Schulbildung der Kinder, liess jedoch die Mutter in Burundi zurück. Sie hatte arg Heimweh nach den Kindern und beschloss nach Brüssel zu gehen, zu arbeiten um den Kindern, mit ihrer kleinen Wohnung, eine Oase der Vertrautheit zu bieten, vor allem während den Schulferien. Mit Mme Henriette schaute ich in eine kleine Ecke der weiten Welt. Viele Jahre später, sie ging wieder zurück nach Burundi, besuchte ich sie in ihrem Land.

Wir jungen Frauen waren natürlich nicht immun gegen das charmante Werben von hübschen Afrikanern. Manch Liebeskummer unter uns Europäerinnen wurde mit der Ankunft der Braut aus Afrika ausgelöst.

Ein besonderer Höhepunkt dieses Jahres war die Weihnachtsfeier. Das „Foyer Africain Protestant“ war der Treffpunkt vieler Afrikaner und Afrikanerinnen an diesem Tag. Für sie war diese grosse Gemeinschaft ein Stück Heimat im fernen Europa. Geschichten erzählen, ein Chor entstand (Foto) , das gemeinsame Singen, Kochen und Essen war ein unvergessliches Erlebnis, besonders auch für uns Europäerinnen.

Dieses Zusammensein, das gemeinsame Arbeiten und Feiern, aber auch die Auseinandersetzungen und Zusammenstösse der verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen, machten dieses Jahr für mich zum schönsten und reichsten Jugendjahr.

Jetzt 2014 treffe ich im Bundesasylzentrum wieder Frauen und Männer aus Afrika, auch aus der Demokratischen Republik Kongo…

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