Beitragslink

4

Neulich, am Bahnhof

Zur Stosszeit steige ich in Lenzburg aus dem Zug. Der Abgang zur Unterführung ist verstopft von Menschen. Direkt vor mir geht langsam und schwerfällig eine ältere, massige Frau. Das Abwärtsgehen scheint ihr nicht leicht zu fallen, sie stützt sich mit einer Hand immer wieder rechts an der Wand ab. Links versuchen sich Leute vorbeizudrücken, die ihre Busse erreichen wollen, aber es ist eng, es gibt Stau. Ich höre einige unterdrückte Flüche. Die Frau ist im Weg, verdammt. Und alte Leute hören ja schlecht, und sonst ist es auch egal.
Ich bleibe hinter ihr, denn ich muss mich nicht beeilen, mein Motorrad wartet hinter dem Bahnhof auf mich. Ich spüre, dass sie geht so schnell sie kann. Aber sie muss ihre Grenzen einhalten. Sie mag sechzig oder auch fünfundsiebzig Jahre alt sein, ich kann sie schlecht schätzen.

Plötzlich sehe ich sie vor mir als junges Mädchen, das sie einmal war. Sie war mal fünf und fünfzehn und fünfundzwanzig, daran kann kein Zweifel bestehen. Es gab Zeiten, da ist sie Seil oder Gummitwist gehüpft, ist mit den anderen auf dem Pausenplatz herumgerannt. Es gab Zeiten, da konnte sie auch vorbeihuschen an älteren, langsameren Menschen. Es gab auch Zeiten, da hat sie vielleicht ihren Kindern den Po abgewischt, sie herumgetragen, sie getröstet und frisch angezogen, wenn sie draussen im Dreck gelandet waren.

Das passiert mir immer wieder. Ich denke manchmal darüber nach, ob ich da ein Pfarrer-Syndrom habe? Ich höre und lese so viele Lebensläufe, ich höre so viele Männer und Frauen von früher erzählen. Vielleicht hat es damit zu tun? Ich sehe die gebrechlichen Leute mit ihren Rollatoren im Altersheim zur Andacht kommen oder geschwächt in ihren Betten liegen, und ich erlebe dabei innere Überblendungen zu damals, als sie herumtobten, auf Bäume kletterten oder hart arbeiteten. Denn das haben sie alle getan. Jedenfalls fast alle. Die Welt lag ihnen einst zu Füssen, später ruhte sie auf ihren Schultern.

Die Parallelität der Zeiten. Und ich bin auch schon 46.

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (8)
  • berührend (48)
  • lustig (0)
  • nachdenklich (17)
  • wichtig (8)
  • fragwürdig (0)
  • langweilig (3)

4 Kommentare

  1. Pfarrer Syndrom?wird dies so bezeichnet? Mir gefällt die Idee der Vorstellung der Biographie , eine Wertschätzung meines Gegen über, die Achtsamkeit zu Warten und Raum zu geben.
    Sie war mal ein junges Mädchen…eine wunderbare Strategie der Wahrnehmung ,das Bild gefällt mir ,“wenn ich knapp bin auf den Zug“,habe ich ein bisschen Stress, es nimmt mich wunder in der Umsetzung

    • Es ist keine „offizielle“ Bezeichnung – es bezieht sich nur darauf, dass ich als Pfarrer die Menschen oft mit ihren Biographien sehe, viel mit ihren Geschichten zu tun habe. Das lässt einen im jetzigen Menschen auch den einstigen sehen, und genau: das mag mit Wertschätzung, mit der unverlierbaren Würde jedes Menschen zu tun haben. Vielen Dank für diesen Gedanken!

  2. „ich bleibe hinter ihr“ – diese stelle hat mich beeindruckt. und ich empfand sie so, dass Sie das auch tun, um sie zu beschützen. sozusagen als wasserwehr. dann übersprang ich das blaue, weil ich meinte, es komme nochmal. und mein gedanke war: nein, kein pfarrer-syndrom. ich bin nicht pfarrer und mache das auch. das „eigentliche“ syndrom kenne ich auch ein bisschen – und nach der lektüre vielleicht bald mehr.

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.