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Österlicher „Schwachsinn“

Ostergarten in Möhlin: Einzug in Jerusalem am Palmsonntag
Ostergarten in Möhlin: Einzug in Jerusalem am Palmsonntag

Meine Nichte ist in diesem Jahr nicht zum gemeinsamen Osterfest gekommen. Sie könne mit diesem „Schwachsinn“ nichts anfangen und würde lieber den Tag auf dem Rücken ihres Pferdes verbringen. Mutter, Grossmutter und Tante haben leer geschluckt und die Tatsache akzeptiert.

Aber gewurmt hat es mich doch! Und ins Grübeln gebracht auch.
Ostern – ein „Schwachsinn“? Schwach – Sinn? Schwach – Sinn!

Ja – eigentlich hat meine Nichte den Nagel auf den Kopf getroffen: Ostern gibt der Schwäche einen Sinn! Es lässt uns Mensch sein, verlangt keine Coolness und kein Heldentum von uns, schenkt dem Versagen Würde und Wert.

Vermutlich baue ich darum mit den Jugendlichen jedes Jahr voller Vorfreude und Liebe unseren Ostergarten auf. Kulisse für Kulisse, Figur um Figur entstehen unter unseren Händen die Ereignisse und Szenen der Karwoche. Und in jedem Handgriff spüre ich die Schwachheit der Menschen, meine Schwachheit:

Da wird gejubelt am Palmsonntag beim Einzug Jesu in Jerusalem. Jesus strahlt und alle Figuren sind glücklich. Doch da braut sich schon ein Gewitter über dem Tempel zusammen: Falsche Frömmigkeit, Luxus und Profit sind das Thema – und Jesus, der sich für ein Gebet, das aus dem Herzen kommt, einsetzt.

Die Szene vom letzten gemeinsamen Mahl sieht friedlich aus, doch der Verrat, das Verleugnen, die Feigheit der Freunde lässt sich in der Szene bereits erahnen.

Und dann werden die Bilder immer düsterer: die Verzweiflung in Gethsemane, der Kuss des Judas, das kreischende Volk bei Pontius Pilatus, die Verleugnung des Petrus, die Dornenkrone, die Nägel, das Kreuz….

Hier ist sie, die menschliche Schwäche: Feigheit, Verrat, Treulosigkeit, Opportunismus, Gewalt, Verleugnung, Tod.  Doch die letzte Szene zeigt die Gnade, die Hoffnung und Perspektive, der Sinn, den uns Gott im Versagen schenkt: das offene Grab in einem wunderschönen Garten und die staunende Frauen mit ihrem Salböl.

Österlicher Schwachsinn – Ostern gibt mir im Leben dort Sinn, wo ich es selber nicht vermag. Wo ich scheitere und versage. Vielleicht sollte ich dies meiner geliebten Nichte so, ganz persönlich erklären.

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