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Ohne GA zu Gott

Wenn ich am Morgen mit meiner Mappe in der einen Hand das Haus verlasse, dann nimmt meistens meine freie Hand drei Kontrollgriffe vor. Linke Hosentasche: Schlüsselbund. Linke Westentasche: Portemonnaie. Rechte Westentasche: Natel. Wenn ich davor auch den Inhalt der Mappe kontrolliert habe – Laptop, Notizbuch und Dossiers, die ich zum Lesen nach Hause genommen hatte – dann bin ich definitiv für den Arbeitstag gerüstet.

Was wenn
Gewiss kennen Sie dieses Gefühl auch: Erst wenn man weiss, dass man alles dabei hat, fühlt man sich richtig angezogen. Was, wäre mein Smartphone nicht in der Westentasche? Im ersten Moment hätte ich das Gefühl, ich sei praktisch handlungsunfähig. Darüber koordiniere ich Termine mit Mitarbeitenden, schreibe im Zug kurze Mails, studiere Präsentationen auf dem Weg zu einem Vortrag, ich schreibe Kurznachrichten, telefoniere und lese manchmal die Zeitung. Auch ohne Portemonnaie wäre ich weitgehend aufgeschmissen. Da drin ist nicht nur das Geld, sondern auch das GA, die Identitätskarte, der Fahrausweis, die Kredit- und Kundenkarten, schlicht alles, was ich brauche, um in unserer Gesellschaft mobil und als Bürger und Konsument handlungsfähig zu sein. Am wenigsten schlimm wäre wohl das Fehlen des Büroschlüssels. Es ist auch tatsächlich schon vorgekommen, dass ich mir mein Büro von einer Mitarbeiterin öffnen lassen musste.

Symbole der Gesellschaft
Die Idee zu dieser Kolumne kam mir aber, als ich neulich vor einem Gottesdienst meine Taschen leerte, wie ich das vor Gottesdiensten immer tue. Also das Umgekehrte von dem, was ich jeden Morgen vor dem Verlassen des Hauses mache: Schlüssel raus aus der Hosentasche. Natel und Portemonnaie aus den Westentaschen. Plötzlich bekam das kleine Ritual vor dem Anziehen des Talars für mich einen hohen Symbolgehalt. Plötzlich ging es mir nicht mehr nur darum, keine unförmigen Beulen im Talar zu haben, welche von vollen Westentaschen herrühren.

Vor Gott egal
Geld, Smartphone und Schlüssel öffnen weltliche Türen. Sie stellen sicher, dass ich zur modernen Gesellschaft gehöre, wie wir sie heute kennen. Ohne Schlüsselbund in der Tasche wäre ich arbeits- und obdachlos. Ohne Smartphone für kaum jemanden erreichbar und von der ganzen Internet-Kommunikation abgehängt. Ohne Geld und ohne Ausweise könnte ich nur noch zu Fuss gehen und mir nichts kaufen. Geld, Smartphone und Schlüssel sind Insignien und Symbole dessen, was mich zu einem «normalen» Mitglied unserer Gesellschaft macht. Vor Gott aber spielt das alles gar keine Rolle. Das wurde mir in jenem Moment neulich so ganz klar.

Tüchtig im Weg stehen
Niemand braucht einen Schlüsselbund, um sich für Gott zu öffnen. Gott ist nicht übers Smartphone erreichbar und er ist schon gar nicht ansprechbar über das Geld, das GA oder den Fahrausweis. Ja, noch mehr: Was mit Schlüsseln vor dem Zugriff von Dieben geschützt werden muss, was käuflich ist und was alles an Informationen über Internet und Smartphone verschickt, verbreitet und empfangen wird; all das kann uns ganz tüchtig im Weg stehen in unseren Beziehungen zu Gott, zu den Mitmenschen und zu uns selbst. Um diese Beziehungen geht es ja, wenn ich mich an die Antwort von Jesus auf die Frage nach dem grössten Gebot erinnere.

Ich nehme mir vor, mein kleines Ritual nicht nur vor dem Anziehen des Talars zu zelebrieren. Sondern zum Beispiel auch abends, wenn ich nach Hause komme. Schlüssel aufs Schlüsselbrett, Natel auf meinen Heimschreibtisch und Portemonnaie gleich in der Westentasche lassen. Das befreit mich, mich ähnlich wie im Gottesdienst besser auf Gott, auf meine Liebsten und auf mich selbst einzulassen. Ich bin sicher, das wird sich auch positiv auf diejenigen Zeiten meines Lebens auswirken, in denen ich mit Schlüsselbund, Natel und Portemonnaie unterwegs bin.

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1 Kommentar

  1. „Niemand braucht einen Schlüsselbund, um sich für Gott zu öffnen. Gott ist nicht übers Smartphone erreichbar und er ist schon gar nicht ansprechbar über das Geld, das GA oder den Fahrausweis.“ so allgemein, finde ich, kann man das nicht sagen. will eine gemeinde in eine kapelle hinein, um sich dort gott zu öffnen, braucht es dazu einen schlüsselbund. kann sein. der schlüsselbund garantiert, da bin ich einverstanden, die öffnung nicht. ich habe selber kein smartphone, nur ein einfaches handy für den notfall, der bisher nie eingetreten ist. aber ich gestehe denen, die eines haben, zu, dass sie je nachdem durch ihr smartphone den zugang zu gott finden. „mir getan“ (mt 25), kann auch geld sein. GA und fahrausweis – habe selber weder das eine noch das andere – können vieles eröffnen, letztlich eben auch den zugang zu gott. man müsste umgekehrt fragen: wie geschieht offenbarung? die reformation sagt: wann, wo und wie sie will. eben zb durch einen schlüsselbund. einer tendenz, die ich bei Ihnen herauszuhören glaube, stimme ich aber zu: es ist bedenklich, wie bedenkenlos wir uns in die abhängigkeit der von Ihnen aufgezählten dinge begeben. offenbarung ist – je nachdem – auch ohne sie möglich. neueren datums ist unser andauerndes leben in der elektronischen welt. immer wieder etwa erinnere ich mich an die zeit vorher und gehe ein stück weit dahin zurück.

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