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Perspektivenwechsel: Ein Tag auf der Grüngutabfuhr

Foto: Perspektivenwechsel: Ein Tag auf der Grüngutabfuhr
Ein Tag bei der Grünabfuhr in Ehrendingen Foto: Sarah Gysi

Als Kirchenratspräsident gehöre ich zu jenen Leuten, die ihre Arbeitszeit zu fast 100 Prozent in Büros und Sitzungszimmern verbringen. Ich liebe meine Aufgabe, doch einmal im Jahr möchte ich die Arbeitswelt aus einer ganz anderen Perspektive erfahren.

Dieses Jahr fuhr ich Mitte April auf Einladung von Thomas Meier, Geschäftsleiter der Firma Obrist AG in Neuenhof, einen Tag lang auf dem hinteren Trittbrett der Grünabfuhr mit: Ich rollte Container zum Lastwagen, hängte sie in den Kipp-Mechanismus ein und drückte den Knopf der Hydraulik, die den Behälter in den Lastwagen entleert. Was sich hier so einfach anhört, darf nicht unterschätzt werden: Autos brausen am Sammel-Lastwagen vorbei, und es gibt ungezählte Möglichkeiten, sich Finger, Arme oder Zehen einzuklemmen. Eine kleine Unachtsamkeit führt ausserdem dazu, dass entweder Grüngut auf der Strasse, oder aber gleich der ganze Container im Schlund des Lastwagens landet.

So führte mich mein Kollege hinten am Lastwagen frühmorgens in alle Handgriffe ein, und schon bald waren wir ein eingespieltes Team: Zwei Männer, die nicht nur auf sich selber, sondern auch auf den Kollegen achten, einander zu Hilfe eilen, wenn ein Container zu schwer ist, oder einander warnen, wenn eine gefährliche Situation entstehen könnte.

Schon nach kurzer Zeit brauchte es nicht mehr viele Worte. Aufmerksamkeit und Achtsamkeit erfüllten den Raum hinter dem Recycling-Lastwagen.

An diesem sonnigen, aber kalten Frühlingstag habe ich gelernt: Wer auf dem Abfallwagen arbeitet, macht seine Arbeit gern und mit Stolz. Er hat diesen Beruf gewählt. Er könnte auch auf dem Bau, beim Gärtner, als Spengler oder Chauffeur arbeiten. Hier aber lernt er das Leben aus einer besonderen Perspektive kennen: Er trifft Menschen, die ihn kaum eines Blickes würdigen und solche, die ihm ein Znüni spendieren, weil sie ihm für seine Arbeit danken wollen.

Zeig mir Deinen Abfall, und ich sage Dir wer du bist!

Auf dem Trittbrett hat man Gelegenheit, darüber nachzudenken, wer wohl ganze Brote oder original verpacktes Gemüse, und wer Bierbüchsen, Schnapsflaschen oder Plastik-Blumentöpfe in den Grüncontainer wirft.

Der Mann auf dem Lastwagentrittbrett ist Soziologe und Psychologe, manchmal sogar Philosoph. Jedenfalls studiert er Menschen aufmerksam und doch mit einer gewissen Distanz: Wie sie mit dem Hochdruckreiniger einen längst sauberen Vorplatz abdampfen, den Rasen mit Hightech-Geräten bearbeiten, Autos polieren, oder einfach auf den Bus warten. Wie sie hinter Fenstern sitzen, im Bus unterwegs sind oder hastig zu Fuss vorbei eilen. Im Wochenrhythmus sieht er neue Häuser und Quartiere wachsen, Menschen ein- und ausziehen.

Er reist durch unseren Alltag und nimmt uns zwar nicht alle Sorgen ab, aber er «entsorgt» immerhin unsere mannigfaltigen Hinterlassenschaften.

Ich will hier kein idealisiertes Bild der Männer auf dem Abfall-Lastwagen zeichnen (nein, Frauen habe ich in diesem Job keine gesehen). Aber der Tag auf dem Sammelwagen hat meinen Respekt vor ihnen wachsen lassen. Und er hat mich um interessante Gespräche und Begegnungen bereichert.

Es wurde mir klar, dass es kleine Zufälle im Leben eines Menschen sein können, die darüber entscheiden, ob einer Pfarrer wird oder Müllmann. Den Vertrag, den mir der Betriebsleiter am Abend angeboten hätte, habe ich dann doch nicht unterschrieben. Zu gern bin ich Kirchenratspräsident. Aber ich habe wieder einmal eindrücklich erlebt, wie Menschen leben und arbeiten, die kein Büro hüten. Und ich habe etwas darüber erfahren, wie Menschen über Gott, die Welt, das Leben und die Kirche denken, denen ich sonst kaum begegnet wäre.

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