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Perspektivenwechsel – ein Tag im Heim

Perspektivenwechsel - ein Tag im Heim
Perspektivenwechsel: Christoph Weber-Berg arbeitete einen Tag lang in einer Werkstatt der Stiftung Schürmatt mit / Foto: Matthias Böhni, RP

Die «Schürmatt» wurde vor 50 Jahren durch die Reformierte Landeskirche Aargau als Heim für behinderte Kinder im Wynental zwischen Oberkulm und Zetzwil gegründet. Die Aufgabe des Aufbaus und der Leitung dieses diakonischen Werkes wurde dem tatkräftigen Pfarrer Herrmann Wintsch aus Oberkulm übertragen. Er wurde zu einem der Pioniere der modernen Arbeit mit
Menschen mit Behinderung in unserem Kanton. Heute ist die Schürmatt eine selbständige Stiftung, in der sich der Einfluss der Kirche auf die Besetzung des Stiftungsrates beschränkt. Sie hat sich zu einer der grössten Einrichtungen im Kanton Aargau entwickelt, in der rund 410 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über vierhundert Menschen mit Beeinträchtigungen betreuen. Sie können
an 13 Standorten zur Schule gehen, wohnen und arbeiten.

Mit meinem Perspektivenwechsel wollte ich an diesem Tag die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Institution, sondern primär auf die Menschen lenken, die dort leben und arbeiten. Ich wollte, wenn auch nur für einen Tag, den Puls ihres Lebens spüren. Am Morgen im Schulbus wurde friedlich gesungen, aber die Fahrerin musste auch schon bei Streit und Raufereien schlichten.
Mein Arbeitseinsatz in der Werkstatt 3, welche die Schürmatt bei der Firma Neogard in Gontenschwil mietet, hinterliess einen bleibenden Eindruck bei mir. Schürmatt-Klienten füllen für die Firma Zierkies in Säcke oder schneiden Brennholz zu. Neogard vertreibt Produkte für diverse Gartencenter: Kinderrutschbahnen, Teichpumpen, Zierkies und Kunststoffelemente in
Steinoptik.

Meine sechs Kolleginnen und Kollegen schrauben, kleben und löten auch Produkte für andere Firmen zusammen. Einen Tag lang arbeitete ich mit ihnen zusammen. Meine erste Aufgabe war es, kleine Faltblättchen mit Rezepten auf eine Steak-Verpackung zu kleben. Präzise im rechten Winkel und mit korrektem Abstand zum Rand. Höchste Konzentration über Stunden: Unsere Gruppe klebte total 30’000 Stück! Dann musste ich ein Lasergerät in ein kleines Gehäuse schrauben. Es wird unterhalb der Liege eines Computertomographen Abstände und Distanzen auf Bruchteile von Millimetern genau vermessen, wenn Patienten in die Röhre des Tomographen geschoben werden. Ob wir als Kunden eine Steak-Verpackung nach dem Öffnen achtlos wegwerfen oder das aufgeklebte Rezept anschauen oder auf einem Hightech-Medizinalgerät liegen und auf eine gute Diagnose hoffen: gut möglich, dass die Arbeit von Klientinnen und Klienten
der Schürmatt daran beteiligt ist. Menschen wie Sie und ich – und doch nicht ganz. Aber Menschen, die mitten im Leben stehen und etwas Nützliches tun möchten und mit ihrer Arbeit einen Beitrag für das Leben anderer leisten. Nach der Zustimmung zur Präimplantationsdiagnostik im Juni frage ich mich, wenn ich mich an die Menschen in der Werkstatt erinnere: Wer von ihnen wäre wohl nie geboren worden? Romantische Verklärung des Lebens mit Behinderung ist völlig fehl am Platz. Und doch: keine und keinen, den oder die ich an diesem Tag kennengelernt habe, möchte ich missen!

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1 Kommentar

  1. es ist etwas anderes, ob die bergführerin sagt: „du kommst nicht mit!“ oder: „du wärst besser nicht mitgekommen!“

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