Beitragslink

Schuld sind immer nur die anderen

Es ist erschreckend, wie viele Menschen unschuldig im Gefängnis sitzen.
Nein, nicht dass sie die Straftat gar nicht begangen hätten. Aber dafür, dass sie jetzt eingesperrt sind, dafür können sie ja nichts. Daran ist „die blöde Alte vom Zeitungskiosk“ schuld, die den Einbruch im Lebensmittelladen zu früher Morgenstunde beobachtet und die Polizei gerufen hat. Oder die Ex-Freundin, „diese alte Schlampe“, die aus lauter Eifersucht der Polizei den Tipp mit der Hanfplantage im Estrich gegeben hat. Schuld sind immer nur die anderen, das war ja schon bei Adam und Eva so („Eva hat…“, „die Schlange dort…“) und das kennen wir doch alle selbst auch zur Genüge.

Wer als Beschuldigter im Verfahren verhört wird, muss nicht aussagen. Erst recht nicht, wenn er sich damit selbst belastet. Und so wird der Polizei die Arbeit natürlich nicht einfach gemacht, wenn alle Details, alle möglichen Beweise im Gespräch mit dem Beschuldigten nicht bestätigt werden können. Mir als Seelsorger geht es da etwas anders. Mir kann man ja Details erzählen. Weil es natürlich irgendwie auf der Seele brennt, das los zu werden. Und der Pfarrer darf es ja nicht weiter erzählen.
Manchmal tun mir die Ermittler richtig leid. Aber so ist er halt, der Mensch, er will sich von aller Schuld gern frei sprechen.

Ganz besonders spannend erlebe ich immer die Schilderungen von Bandenmitgliedern. Da schwebt dann noch das Fünkchen Ungewissheit mit, was wohl die anderen der Polizei gesagt haben. Hält die viel beschworene Verbrecherehre dem Druck der Ermittler und der drohenden Bestrafung stand? Kann das Schweigen wirklich gegenüber der versprochenen Strafmilderung bestehen?

Erstaunt bin ich selbst auch oft darüber, was die polizeilichen Ermittler alles zusammen tragen, um Beweise zu belegen. Da werden seitenweise SMS-Nachrichten gesichtet, GPS-Daten verglichen und mögliche Szenarien nachgestellt. Es ist erstaunlich, welche Daten in einigen Fällen über eine verdächtige Person oder Gruppe gesammelt wurden, bevor dann tatsächlich ein Zugriff erfolt ist.

Den meisten Beschuldigten ist die ganze Durchsicht der Beweismaterialien verständlicherweise lästig. Wer mag es schon, wenn sein Leben so haarklein nachgestellt wird, auch wenn es ja nur ein kleiner Teil des Lebens ist. Aber dieser Teil des Lebens läuft eben zwangsläufig auf illegale Handlungen hinaus, auf Beschuldigungen und Vorwürfe. Wäre es anders, sässe man ja nicht hier.

Überraschung

Nun überraschte mich einer meiner Kontakte. Er überraschte mich mit seiner überraschenden Bewunderung!
Er war nach stundenlangem Verhör voll des Lobes über die gute Polizeiarbeit. Niemals hat er sich vorstellen können, wie genau die Ermittler den Weg bis zu den Straftaten nachzeichnen konnten. Über jeden seiner Schritte, seiner Telefonate, seiner Absprachen mit den Kontaktpersonen waren die Ermittler seit geraumer Zeit bestens im Bilde. Sie haben nur noch den geeigneten Zeitpunkt abgewartet, um die ganze Bande festzusetzen. Welch geniale Polizeiarbeit.

So viel Lob über die gute Polizeiarbeit ist unter den inhaftierten Beschuldigten verständlicherweise sehr selten. Und natürlich ändert das auch an der Grundhaltung dieses Mannes nichts:
Schuld sind die anderen – wenn die Ermittler nicht die richtige Spur gefunden hätten…

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (1)
  • berührend (0)
  • lustig (0)
  • nachdenklich (1)
  • wichtig (0)
  • fragwürdig (0)
  • langweilig (0)

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.