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Selbstbestimmt leben und sterben

Foto: Selbstbestimmt leben und sterben
Der Herbst erinnert uns an unsere Endlichkeit.

Der deutsche Bundestag hat die geschäftsmässige Sterbehilfe nach einer emotionalen Debatte verboten. Wir in der Schweiz haben mehrere Organisationen, die Sterbehilfe anbieten. Zum Glück?

Es ist ein Thema, das Menschen bewegt und das sehr kontrovers diskutiert wird. Auch die Kirchen beziehen Stellung – in Deutschland haben sie eindeutig Stellung bezogen. Und so fühle ich mich als Pfarrerin aufgerufen, mir eine Meinung dazu zu bilden. Denn ich begegne den Menschen, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchten oder die sie ablehnen. Und beide wünschen sich von mir als Pfarrerin Begleitung in den letzten Jahren ihres Lebens.

Ich persönlich finde es schwer, eine feste Meinung zu diesem Thema zu haben. Und ich habe dazu in einer Weiterbildung einen hervorragenden Vortrag von Reiner Anselm hören dürfen, Professor für Systematische Theologie und Ethik in München. Ich kann nicht alles zusammenfassen, was er gesagt hat, aber ein paar Sachen sind mir sehr nachgegangen:

Beim Thema Sterben gibt es keine mathematische Exaktheit. Es ist ein Thema, das so viele Facetten hat, wie es Menschen gibt. Seiner Meinung nach resultiert die Angst vor dem Sterben aus der Befürchtung, dass mit dem Sterben die eigene Persönlichkeit in Frage gestellt wird. Und auch Palliativ Care kann die Zumutungen, die mit dem Sterben einhergehen, und die jeder Mensch anders empfindet, nicht völlig auflösen. Denn jeder Mensch hat seine eigene Grenze des Zumutbaren und dessen, was Angst macht. Und wer bin ich, einem Menschen diese Gefühle abzusprechen? Ja, darf ich etwa Gottes Mitgehen bei bestimmten Formen des Sterbens absprechen? Gott, der doch versprochen hat, gerade für die Geängstigten und Schwachen da zu sein? Wir sind von Gott geschaffen und unsere Geschöpflichkeit beinhaltet Freiheit und das Recht auf Leben. Aber darf aus dem Recht eine Pflicht werden?
Reiner Anselm ist wichtig, dass wir beim Thema Sterben von dem Gedanken Abschied nehmen, dass es einen „goldenen Standard“ gäbe. Die Kunst des Sterbens entwickelt sich weiter, so wie sich auch unsere Gesellschaft und die Medizin weiterentwickeln.

Er hat das Ganze natürlich viel differenzierter und ausführlicher dargestellt als es meine kurzen Notizen tun.

Ich habe für mich für den Moment Folgendes mitgenommen. Wir als Christinnen und Christen, als Kirche, dürfen und sollen zweierlei:

Zum einen sollen wir unser prophetisches Amt wahrnehmen und bei jeder allzu fest gefassten Meinung nachfragen:
Ich darf Menschen liebevoll zusagen, dass es bereichernd sein kann, Hilfe anzunehmen, das Leben langsam loslassen zu lernen, zu erleben, dass ich Kräfte bekommen kann, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe.
Aber wer bin ich, einem Menschen abzusprechen, dass er es unerträglich findet, im Alter eine Windel tragen zu müssen?

Ich darf nachfragen, was denn bitteschön genau die Kunst des Sterbens ist, und ob man wirklich alles Leiden auf sich nehmen muss, und ob ich dem Menschen, der Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte, sagen darf, dass er sich vor dem Sterben drücken möchte, ganz plump gesagt.
Aber wer bin ich, jemandem zu sagen, Sterbehilfe sei die ultimative Lösung?

Ich will also kritisch sein, bei jedem „so und nicht anders“ Statement. Und ich schätze es, dass uns in der Schweiz so unterschiedliche Möglichkeiten offenstehen. Es wird eine Aufgabe sein und bleiben, die Regeln für alle diese Möglichkeiten gut zu setzen, so dass wirklich der Mensch entscheiden kann, was für ihn gut und richtig ist, und der Druck von aussen so gering wie möglich ist. Da sehe ich unser kirchliches Wächteramt gefragt.

Aber dann gilt für uns als Kirche eben auch das Andere:
Alle diese Menschen zu begleiten, sie wahrzunehmen in allem, was ihr Leben ausmacht und ängstigt; ihre Sorgen und Nöte ernstzunehmen und ihnen Gottes Liebe zuzusprechen, die sie in allem geleitet, und besonders am Lebensende. Denn davon dürfen und sollen wir getrost immer wieder sprechen: Von unserer Hoffnung, dass wir im Leben und im Sterben niemals von Gott getrennt sind und dass uns nichts von seiner Liebe trennen kann, egal, für was wir uns letztlich entscheiden.
Und dass es wichtig ist, das Sterben und den Abschied von den Verstorbenen nicht zu verdrängen, in welcher Form auch immer. Aber dazu hat schon Corinne Dobler vor etwa einem Monat einen Blog mit ganz wunderbaren Gedanken geschrieben.

 

Was das alles für mich persönlich bedeutet, wenn für mich der Zeitpunkt des Todes immer näher rückt, ich kann es noch nicht sagen. Aber ich werde mich damit auseinandersetzen, immer wieder, auch jetzt schon.
„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wenn die Debatte um die Sterbehilfe dazu führt, dass wir das tun, dann ist es gut, dass sie geführt wird.

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7 Kommentare

  1. Liebe Christine

    Ich finde es ja schon gut, wenn man sich mit dem Thema sterben auseinander setzt.Ich weiss ja aus eigener Erfahrung wie schnell alles vorbei sein kann.Durch meinen Beruf habe ich schon viele Leute sterben sehen,Bei den einen gehts schnell andere haben es sehr schwer loszulassen.Auch viele Angehörige sind völlig überfordert. Vielen ist es ja nicht bewusst das wir alle mal sterben, es ist egal wie viele wichtige Termine wir dann noch hätten.Darum finde ich es wichtig sich mit Sterbehilfe auseinander zu setzen, auch wenn es ein sehr schwieriges Thema ist, dem man lieber aus dem Weg gehen würde. Danke für deine wichtig geschriebenen Worte.

    • Liebe Doris!
      Danke für deine Worte. Gerade mit deiner Erfahrung sind sie mir umso wertvoller. Es ist ja so, wenn es scheinbar nicht nötig ist, „drücken“ wir uns gerne um solche Themen wie Sterben, aber auf einmal holen sie uns ein und wir sind völlig überfordert. Nicht, dass der Tod und Sterben einen jemals „kalt“ lassen könnten, aber ich glaube auch, so wie du sagst, dass man anders damit umgehen lernt, wenn man sich immer wieder damit auseinandersetzt. Nochmals danke und liebe Grüsse,
      Christine

  2. Ich bin aus Deutschland. Meine Oma leidet an Parkinson und ist jetzt, nachdem sie sich vor zwei Jahren, die Hüfte gebrochen hatte, im Pflegeheim. In den letzten Monaten ging es steil bergab mit ihr. Sie ist wieder gestürzt im Pflegeheim, kam ins Krankenhaus, kaum wieder im Pflegeheim, versuchte sie aufzustehen stürzte erneut und kam wieder ins Krankenhaus! Seither war sie so oft im Krankenhaus, das ich es schon nicht mehr zählen kann. Sie hat mich schon bevor sie ins Pflegeheim kam angebettelt, ihr zu helfen zu sterben, da sie nicht so enden wollte wie es nun gekommen ist. Sie hat sich wundgelegen musste operiert werden, aber das hat nicht viel gebracht und nun liegt sie da, vollgepumpt mit Schmerzmitteln und wartet auf den Tod! Ich hatte mir so sehr für sie gewünscht, dass das Gesetz hier geändert wird. Sie will einfach nicht mehr, verweigert größtenteils das Essen. Warum soll es menschlicher sein, wenn jemand so leiden muss? Ich bin definitiv für Sterbehilfe und ich selber hoffe für mich, dass sich die Gesetze doch irgendwann ändern hier in Deutschland!

    • Lieber Simon! Es tut mir sehr leid für dich und vor allem für dein Oma. Ich kann ihr nur wünschen, dass sie bald sterben darf und nicht noch länger leiden muss. Und dir wünsche ich die Kraft, die du brauchst, um ihr in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen, auch wenn du ihr nicht so helfen kannst, wie du es wollen würdest.
      Herzliche Grüsse,
      Christine

  3. Liebe Christine
    Ich danke dir für deine differenzierten und gut verständlichen Gedanken zu einem sehr schwierigen Thema. Was du geschrieben hast, bewegt mich und regt zu einem vertieften Nachdenken an.
    Vielen herzlichen Dank für deinen Artikel.
    Frohe Grüsse

    • Lieber Hans!
      Ich freue mich, dass dich die Gedanken anregen. Ich denke auch immer wieder darüber nach – und fühle mich noch immer nicht am Ende damit!
      Herzliche Grüsse,
      Christine

  4. „kräfte, von denen ich nicht ahnte“ – ja! was ich andererseits gerade bei kirchlichen und theologischen beiträgen regelmässig vermisse: es kann sein, dass durch die aufgabe des eigenen lebens anderes leben bewahrt wird. dass jemand den rettungsring jemand anderem überlässt und ertrinkt, überzeugt. hinsichtlich des beendens des lebens kann ich die frage nicht eindeutig beantworten, aber ich erwarte, dass die frage gestellt wird.

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