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Stadt und Dorf – und Campingplätze

Foto: Stadt und Dorf – und Campingplätze
Wohnmobile am Hafen in Oslo

Wir haben unsere Ferien auf Campingplätzen in Schweden und Norwegen verbracht. Kleine und grosse, einsame und überbordende. Und es gab eine Erfahrung, von der ich im Nachhinein denke:
Ist das vielleicht eine der Auswirkungen der zunehmenden Verstädterung?

Auf den kleinen Campingplätzen grüsst man sich, es gibt kurze Gespräche, Kinder versuchen miteinander zu spielen auch über Sprachgrenzen hinweg. Schon nach zwei Nächten kennt man die meisten.

Auf Campingplätzen mit hunderten von Stellplätzen das Gegenteil: Kein Gruss, kein Gespräch, die Kinder in festen Cliquen, in die man nicht reinkommt. Man kennt ein paar, aber insgesamt ist es anonym und distanzierter. Und das, obwohl man doch so eng «wohnt». Da steht man nebeneinander am Lavabo und putzt sich die Zähne, aber kein Gruss kommt über die Lippen.

Liegt das an Schweden? Oder liegt es doch an der Grösse und am «Stadteffekt»?

Bei uns auf dem Dorf grüsst man jeden und jede. Das gehört sich einfach. Im Dorfladen kommt man ins Gespräch. Nach kurzer Zeit kennt man einige Leute, die Kinder sind so wenige, sie nehmen neue Kinder vielleicht nicht immer leicht, aber doch auf. Und es fällt auch auf, wenn sich jemand raushält, den Kontakt verweigert.

In der Stadt geht das alles gar nicht – es sind zu viele Menschen! Ich muss mich viel stärker bemühen, Kontakte zu knüpfen. Und ich kann viel schneller in die Einsamkeit abdriften.

Es heisst, dass auf der Erde im Moment so viele Menschen wie noch nie in Städten leben. Verstädterung nennt sich das. Viele, die Arbeit suchen, die Not haben, wandern ab in die Städte. Gerade auch Familien oder junge Menschen. Was macht die Anonymität, was macht die Einsamkeit mit solchen Menschen? Wo sich keiner grüsst, wo sich keiner interessiert? Ist das nicht der Nährboden für «Menschenfänger», die mit ihren einfachen Antworten unsichere, zukunftslose Jugendliche abgreifen?

Antworten sind meist niemals ganz so einfach und auch dörfliche Strukturen haben ihre Mängel. Aber dort oben in Schweden, auf den Campingplätzen, kam mir dieser Gedanke. Und er ist mir geblieben, als wir in die Gemeinschaft unseres Dorfes zurückkamen.

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1 Kommentar

  1. Hallo Christine, gut gespürt! Meine Erfahrungen sind sehr ähnlich! Nur kann ich sie nicht so treffend formulieren…

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