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«Stau zeme»

Foto: «Stau zeme»

Sommerzeit ist Stauzeit. Sie kennen das. Es beginnt schon auf dem Weg in die Ferien, man wartet im Stau, beim Einchecken im Hotel, am Essensbuffet und beim Klo an der Bar … überall Menschen, die unterwegs zum Gleichen sind, das Gleiche wollen … es ist zum aus der Haut fahren …

Es gibt drei Möglichkeiten auf solche Staus zu reagieren:

  • Die Wut auf die anderen: «Warum sind die alle nun auch noch da und wollen das gleiche wie ich? Ich habe doch eigentlich das Recht zuerst dran zu sein.»

  • Die Wut auf sich selbst: «Warum habe ich nicht daran gedacht, dass alle die gleiche Idee haben wie ich? Ich Totsch.»

  • Eine allgemeine Verzweiflung über die Menschheit, die in der Sinnfrage vom Ganzen endet: «Das ist sie also, die Krone der Schöpfung, die sich gierig drängelnd durch die Ferien kämpft und doch nie die Zufriedenheit findet, die sie im Innersten sucht.»

Ich kenne alle diese emotionalen Reaktionen zu genüge. Erst kürzlich als ich «nur schnell» ein Glace für meinen Sohn in der Badi kaufen wollte (nur EIN GLACE!!! und wirklich NUR KURZ!!!!), und ich mich in einer Schlange mit 20 Menschen, wiederfand, die für meinen Geschmack alle viel zu langsam ihr Glace aussuchten und ewig in ihren Portmonees Kleingeld rausklaubten – kamen mir alle diese Möglichkeiten wieder in den Sinn.

Aber dann hatte ich – in diesem Badikioskstau stehend – einen Geistesblitz: Staus sind die kleinen Auszeiten in meinem hektischen und im minutiös getakteten Alltag. Ich steh jetzt an, ich kann nicht anders. Wut bringt nichts. Und an der Menschheit zu verzweifeln auch nicht. Eine grössere Macht hat soeben entschieden, dass es nun Zeit ist anzustehen und zu warten. Mein selbstbestimmtes Wirken und Walten ist an Grenzen gestossen. Ich akzeptiere es. Werde ruhig. Fühle den warmen Boden unter meinen Fusssohlen, die Sonnenstrahlen, welche die Wassertropfen auf meiner Haut verdunsten lassen und ich sehe die Wolken über mir, die unbeeindruckt vom Treiben der Menschheit am Badikiosk vorbei ziehen. Einen Augenblick lang teile ich ihren Gleichmut. Und trotz Stau bin ich kurz zufrieden mit mir und der Welt.

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3 Kommentare

  1. …wenn du dann nur nicht das handy rausnimmst und rasch die mails checkst und die welt rettest (um mit tim bendzko zu sprechen), gell corinne 😉 ansonsten ja: stau als selbstregulierung des systems zur zwangspause. als grund, an ostern lieber an den hiesigen bächen entlangzuspazieren statt ins tessin zu brausen. rückkehr zum hier und jetzt.

  2. Béatrice Eggenschwiler 17. Juli 2016 um 14:00 Antworten

    Ich habe grad den allerschlimmsten Stau in meinem 52-jährigen Leben hinter mir: die Heremitage in St. Petersburg!!!!! In dieser Warteschlange hätte ich Zeit gehabt, um mein ganzes leben Revue passieren zu lassen und zu analysieren. Ich wünsche allen Lesern weiterhin einen schönen, sonnigen Sommer mit viel Gelassenheit und Ruhe „ommm…“

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