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Sterben spielen

Neulich in der Supervision: Fallbesprechungen zur Seelsorge. Die Anwesenden bringen in anonymisierter Form Seelsorge-Situationen ein, die sie beschäftigen. Wir stellen die Situationen nach und spielen sie neu.

Es geht um den Besuch eines Pfarrers am Sterbebett eines alten Mannes. Der Mann spricht kaum noch, ist schon sehr schwach. Seine Frau ist auch da, mit ihr wechselt der Pfarrer ein paar Worte. Was tut dem Sterbenden jetzt gut? Welche Bedürfnisse hat er, und wie kann der Seelsorger diese erfragen oder erspüren? Es geht um eine Sprache und eine Aufmerksamkeit, die hineinreicht ins Gebiet jenseits der Worte.

Jemand soll also diesen sterbenden Mann spielen. Natürlich ist das völlig ummöglich, wie soll man sich solche Schuhe anziehen? Aber dem Setting zuliebe versuche ich es.

Zuerst ein beklemmendes Gefühl, ich fühle mich fast wie eingeschlossen, da ich kaum noch sprechen kann. Der Gedanke, kurz vor der Grenze in ein unbekanntes Land zu stehen, macht mich unruhig. Der Pfarrer spricht mich an, in meinem Kopf formt sich eine Antwort, aber sie kann nicht heraus. Meine „Frau“ spricht für mich, zum Glück tut sie es vorsichtig und behutsam.

Der Pfarrer hat keine Angst vor meinem Zustand. Er bleibt einfach da, präsent, er muss mein Sterben nicht mit Worten zudecken. Er hält es aus. Als er mich fragt, ob ich beten möchte, bringe ich ein schwaches Nicken zustande. Er weiss, dass ich ein gläubiger Mensch bin. Meine Frau und der Pfarrer beten für mich das UnserVater.

Ich, der Sterbende, fühle, wie Ruhe sich in mir ausbreitet. Als ob mir ein warmer Tee eingeflösst würde. Auch die Übrigen aus der Gruppe bemerken in der anschliessenden Besprechung, dass mein Atem ruhiger wurde.

Etwas benommen, wenn auch erleichtert kehre ich zurück unter die Lebenden. Aber das Gebet bleibt mir, dem Pfarrer, als tiefer Eindruck. Solche Kraft habe ich nicht erwartet.

 

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3 Kommentare

  1. Bewegend und eindrücklich. Selber fühlen, sich einfühlen – erst das eröffnet ungeahnte Welten. Es ist doch immer wieder festzustellen, sei es in der Seelsorge, Psychotherapie, Beratung, oder in einer beliebigen Begegnung mit einem anderen Menschen. Danke für diesen Beitrag!

  2. Ich selbst habe die letzten Stunden von 2 Menschen mit erlebt. Im alter von 23 sollte man so etwas nicht erleben müssen.

    Dennoch war ich da, habe die Hand meiner Mutter gehalten, habe mit ihr gesprochen, ihr Geschichten erzählt die mir mit ihr geblieben sind.
    Sie konnte nicht mehr sprechen, aber ich spürte wie sie ruhiger wurde.
    Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Als ich Zuhause ankam, kam die Nachricht, dass Sie uns verlassen hatte.

    Diese Geschichte zeigte mir eindrücklich, welche Wirkung der Tod in einem ausüben kann. Der Tod kan einem lebenden Menschen die Kraft geben das Leben zu Leben.
    Dem sterbenden, kann eine Hand, liebe Worte oder einfach nur die Anwesenheit die Sicherheit geben, nicht alleine gehen zu müssen.

    Ich bewundere Menschen, die anderen Menschen auf diesem Wege regelmässig die Hand reichen. Meine grösste Hochachtung!

  3. „Gebet ist das Atemholen der Seele“.

    John Henry Newman (1801 – 1890), englischer Theologe, anglikanischer Pfarrer, später katholischer Kardinal, bedeutender Publizist

    Danke Martin, eindrückliche Geschichte!

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