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Über das Leben reden – probieren Sie es aus!

Was macht man eigentlich als „Knast-Pfarrer“? Das fragt sich derzeit ein Maturand aus Appenzell und beschäftigt sich damit in seiner Maturarbeit. Dass er dazu für ein Interview ausgerechnet zu mir in den Aargau reist, mag verwundern, tut aber nichts zur Sache. Viel spannender ist ja tatsächlich die Frage, was ich eigentlich mache, wenn ich in die Bezirksgefängnisse gehe.

Nun ja, „machen“ mache ich eigentlich gar nichts. Ich höre zu.
Ich sage natürlich auch mal etwas, aber in erster Linie höre ich zu.

Hören, ohne zu fragen, das ist gerade während der Untersuchungshaft, in der ja gegen den Inhaftierten erst noch ermittelt wird, sehr selten. Die Justizvollzugsbediensteten kommen zeitlich am meisten mit den Inhaftierten in Kontakt. Aber sie haben nicht viel Zeit zum Zuhören oder zum Fragen stellen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe.
Diejenigen, deren Aufgabe es ist, sich Zeit zum Fragen stellen und Zuhören zu nehmen, müssen vor allem Beweise sammeln oder Beweismittel hinterfragen: die Ermittler oder die Staatsanwaltschaft.

Als Knast-Pfarrer gehöre ich weder zu den einen noch zu den anderen. Ich darf Fragen stellen und man darf mir alles erzählen – ich selbst dagegen darf nicht über das befragt werden, was mir Inhaftierte erzählen. Was man dem Knast-Pfarrer erzählt, das lässt juristische Bewertungen unberührt. Beim Knast-Pfarrer darf ‚Mann‘ auch mal weinen, ohne dass es peinlich ist, wie in der 3-Mann-Zelle. Die Inhaftierten, die zu mir kommen, schätzen diese diskrete Atmosphäre. Sie schätzen es, mal für eine halbe Stunde aus dem normalen Alltag heraus zu kommen – teilweise im wahrsten Sinne des Wortes, wenn sie für eine Begegnung mit mir auch ihren Haftraum verlassen dürfen. Dann reden wir miteinander – und manchmal schweigen wir auch. Oder beten. Oder lesen in der Bibel.

Vieles kann, nichts muss.

Nichts muss und vor allem hat das Gespräch mit mir kein therapeutisches Ziel. Auch das war eine Frage des Maturanden: „Wie messen Sie den Erfolg der Therapiestunde?“ … es ist keine „Therapie“ und es wird kein Erfolg gemessen.

Aber ich bin sicher, Gespräche mit Pfarrerinnen und Pfarrern sind ‚erfolgreich‘, egal ob sie mit dem „Knast-Pfarrer“ oder in irgendeiner anderen seelsorgerlichen Begegnung geschehen. Ihr Erfolg wird nicht bewertet, wie die Maturarbeit. Über ihr ‚erfolgreich‘ oder ’nicht genügend‘ entscheidet allein die Person, die das Gespräch mit den Seelsorgenden gesucht hat.

Übrigens, ob im Knast oder nicht: probieren Sie es doch mal aus!
Suchen Sie doch mal das Gespräch mit ihrer Gemeindepfarrerin oder ihrem Gemeindepfarrer! Oder suchen Sie doch mal den Urlaubsseelsorger auf, wenn es an ihrem Ferienort einen gibt!
Es ist bestimmt eine ganz neue Erfahrung, im Seelsorgegespräch diskret und unter vier Augen einmal über Ihre Lebenserfahrung zu sprechen!

Viel Erfolg!

 

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2 Kommentare

  1. Lieber Thortsten
    Dein Beitrag gefällt mir. Er ist ungekünstelt und beantwortet echte Fragen mit einer Offenheit, die den Leser mitnimmt. Wenn der Seelsorger die Augenhöhe des Gesprächspartners nicht verlässt, kann er nicht nur Zutrauen gewinnen, sondern auch den wahren Problemen auf die Spur kommen. Das müsste dir so gelingen. Du machst Mut, ein Gespräch zu suchen.

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