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Vergebung

Foto: Vergebung

Wieder einmal ringt der Grosse den kleinen Bruder im ungleichen Kampf zu Boden. Wieder einmal geht er zu ihm, als ich ihn streng anschaue, und sagt „Entschuldigung“. So einfach ist Vergebung für einen Dreijährigen.

Später ist das schon schwieriger. Da weiss ich ja, was ich tue und spüre das Unrecht, wenn ich trotz elterlichem Verbot mit der Clique die Gegend unsicher mache. Da ruft ja das Gewissen, wenn ich dem Lehrer die abgeschriebenen Aufgaben als meine eigene Leistung präsentiere. Und: Da reicht das ‚Entschuldigung‘ nicht, um die Strafe zu mildern.

Im Gefängnis traf ich schon manchen 23-Jährigen, der bereits ein Drittel seines Lebens in Haft verbracht hatte. Die Schuld, die auf den Schultern lastete, wog schwer. Das wahre Ausmass wurde oft erst im Anblick der Strafe so richtig bewusst. Kann da überhaupt noch ein ‚Entschuldigung‘ etwas ausrichten?

In Erwartung einer bevorstehenden Entlassung stellt sich die ‚Entschuldigungs-Frage‘ erneut: Wird mir die Gesellschaft vergeben? Wird mir meine Familie vergeben? Als Knast-Pfarrer soll ich oft über ‚Schuld‘ und ‚Vergebung‘ erzählen. Der ‚Gottesmann‘ muss es ja wissen. Immer wieder auch die bange Frage: „Wird Gott mir vergeben?“

Die Bibel erzählt uns von Gottes Vergebung! Ja, Gott wird mir vergeben! Das haben Menschen so erfahren und niedergeschrieben, z.B. als Gebete in den Psalmen. Wir können uns in unserer grössten Not an Gott wenden und wir können mit der grössten Schuldenlast zu Gott kommen. Bei Gott finden wir Vergebung. Als Christinnen und Christen dürfen wir darauf bauen und vertrauen, dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus für die Sünden aller Menschen gestorben ist. Mit seinem Tod hat er die Schuld gesühnt. Mit seiner Auferstehung hat er den Tod überwunden, damit wir mit ihm das Ewige Leben erben sollen. Mehr müssen und können wir an Vergebung nicht erwarten.

Kann aber die Gesellschaft vergeben? Kann der Lehrer vergeben? Können Eltern vergeben? Oder 1-Jährige? … Vielleicht ‚noch‘ nicht, vielleicht nicht sofort. Der Kleine sucht jedenfalls immer wieder aufs Neue den Kontakt zum grossen Bruder. Die Eltern werden sich weiterhin Sorgen machen, aus Liebe und Zuneigung; und sie werden Vertrauen lernen, je älter das Kind wird. Der Lehrer wird seine ‚pädagogische Bestrafung‘ dem Bedarf des Schummlers anpassen. Und die Gesellschaft wird vergeben können, wenn sich der entlassene Straftäter in Freiheit bewährt.

Vergebung – das heisst eben auch: eine neue Chance bekommen. Und die Pflicht, diese zu nutzen.

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