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Verletzung der religiösen Gefühle?

Foto: Verletzung der religiösen Gefühle?

Der Anschlag auf das Satire-Magazin Charly Hebdo ist jetzt zwei Jahre her. Damals und heute denke ich immer wieder über die Sache mit der Verletzung religiöser Gefühle nach: Ich bin Religionsvertreter, als Pfarrer sozusagen Repräsentant einer Glaubensgemeinschaft. Darum sollte ich vielleicht auch in besonderem Mass betroffen sein, wenn Leute sich über den christlichen Glauben lustig machen. Sollte ich? Im wirklichen Leben gelingt mir das einfach nicht. Ich habe es noch kaum geschafft, in meinen religiösen Gefühlen beleidigt zu sein.

Im Winterthurer Technorama gibt es ein Geruchsexperiment: Dort kann man einen üblen Duft riechen – es sei denn, es fehlen einem genetisch bedingt die spezifischen Rezeptoren dafür. Ich konnte dort nichts riechen. So ähnlich geht es mir mit der Kränkung meiner religiösen Gefühle, einem Phänomen, das ja immer weiter verbreitet ist. Ich rieche da einfach kaum je etwas.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash, der sich für eine liberale Streitkultur einsetzt und der political correctness Grenzen setzen möchte, hat mir nun geholfen. Er gesteht zu, dass „es tatsächlich eine Explosion der Hassrede im weitesten Sinn“ gebe, vor allem in den sozialen Medien – aber „auf der anderen Seite besteht die pathologische Bereitschaft, sich sofort verletzt zu fühlen, schon bei der allerkleinsten Kränkung. Das ist eine Infantilisierung des öffentlichen Diskurses“, stellt er im Interview fest. Das beruhigt mich: Ich habe keinen genetischen Defekt.

In Bezug auf meine religiöse Identität fühle ich mich recht sicher. Das aufgeklärte Christentum überzeugt mich in seiner inneren Kraft, seiner Menschlichkeit, seiner Haltung. Da ist soviel Trost, soviel Ermutigung, soviel Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen, zu vergeben, wahrhaftig zu sein. Das überzeugt mich. Natürlich menschelt es! Ich schaue mir mit Vergnügen Karikaturen an, auch bösartige. Wenn sie den Finger in eine Wunde legen, tut das vielleicht schon manchmal weh, führt aber nicht zu Beleidigung (das wäre die infantile Abwehr), sondern zu Nachdenklichkeit und Reflexion. Womöglich spricht ja der Heilige Geist oft gerade aus Karikaturen zu mir, auch aus bitteren? Denn eines ist für mich ganz sicher: Gott hat Humor. Sonst hätte er uns nicht mit dieser Gabe ausgestattet. Und wenn der Humor schwindet, dann wird es leider – ernst.

Mein Fazit: Nimm dich in acht vor humorlosen Leuten (auch wenn du ein Land, eine Bevölkerung bist). Und pflege den Humor, auch den bitteren, auch den Galgenhumor, und vor allem die Selbstironie. Das ist der Pfad zur Gelassenheit.

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1 Kommentar

  1. Es ist wichtig, dass Martin Kuse dieses Thema anspricht und ich teile seine Meinung. Wünschenswert wäre, dies in einem grösseren Umfeld zu publizieren.

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