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Warum ich bete

Foto: Warum ich bete

Als ich ein Kind war, war mir klar: ich bete, damit Gott meine Wünsche erfüllt. Erfüllte er sie nicht, hatte ich irgendetwas falsch gemacht oder ich hatte es nicht verdient. Als Jugendliche merkte ich, dass dieser Glauben so nicht mehr aufging: Ich hatte keine Lust mich schlecht zu fühlen vor Gott und ich stellte das Gebet in Frage. Ist Gott ein autoritäres Wesen, welches das Gebet als Form der Unterwerfung seiner Geschöpfe forderte? Falls dem so wäre, verzichtete ich lieber auf eine Beziehung zu einem solchen Gott. Ich stellte das Beten ein. Später kam die psychologische Analyse dazu: War beten nur eine Form der Selbstberuhigung und billigen Vertröstung? Eigentlich war niemand da, aber mit dem Gebet kann man ja immerhin so tun, als ob da jemand wäre.

Ich durchlief viele Krisen und Fragen mit dem Gebet. Mein vorläufiger Schluss war, dass ein Gebet, das allein auf Wunscherfüllung ausgerichtet ist, zu einer unbefriedigenden Beziehung zum Göttlichen führt. Ich glaube auch nicht, dass Gott es nötig hat, dass wir ihn anbeten. «Der Nutzen» des Gebets konnte nur einer für mich und meine Mitmenschen sein.

Letztes Jahr besuchte ich einen Kurs, der nichts mit Kirche oder Christen am Hut hatte. Doch das Zentrum dieses Kurses war der Segen und das Gebet. Und eines der stärksten Gebete war, so wurde es den – zum Teil fassungslosen – Teilnehmern vermittelt: das Unser Vater.

Ich war beeindruckt. Weil ich zugegebenermassen meinen Glauben in die Kraft dieses Gebetes verloren hatte. Der Kurs gab mir den Glauben an das Gebet zurück. Und ich begann die Kraft, die darin lag wieder zu fühlen.

Inzwischen bedeutet Beten für mich: Den Horizont meiner kleinen beschränkten Welt zu öffnen für den Blick auf das Ganze. Ich habe meine Wünsche, meine Fragen, meinen Blickwinkel vom Leben aber stelle das alles bewusst in den Raum des Unendlichen. Ich nehme mich und meine Anliegen ernst, aber ich weiss, dass ich den Lauf der Welt nicht durchschaue. Und ich kann nie sicher sein, dass die Erfüllung meiner Wünsche mich zu meinem erhofften Glück führen wird. Darum ist für mich das beste Gebet, das sich für alle Lebenssituationen eignet:

Gott, ich bitte dich um die göttliche Ordnung in meinem Leben und auf dieser Welt. Amen.

 

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3 Kommentare

  1. Da staunt der geneigte Leser doch, dass tatsächlich immer wieder Leute diese Blogs als „langweilig“ bewerten. Eigenartig.
    Mir wurde klar, warum auch ich das Beten eingestellt habe. Schon lange. Offenbar bin ich auf dieser „Entwicklungsstufe“ stehen geblieben und habe das nie weiter reflektiert. Wer also hier „langweilig“ klickt, wird den Sinn oder Unsinn des Gebetes verstanden haben. Hier also meine Bitte: Lass uns, oh Erleuchteter, teilhaben an deiner Weiseheit und nutze die Kommentarfunktion dazu, mich ins Licht der Erkenntnis zu führen. Amen. Danke

  2. „wir haben kaulquappen!“ rufen mich zwei kinder. wie ich bei ihnen ankomme: „wir haben auch einen frosch!“ „das ist ein salamander“, sage ich ihnen. ich empfehle ihnen, ihn nicht mit den fingern zu nehmen, sondern nur auf der hand laufen zu lassen. „und tragt sorge, wenn ihr die steine im wasser bewegt!“ obschon ich kaum etwas davon verstehe. abends sitze ich in meditation. plötzlich sehe ich den salamander vor mir. unversehens finde ich mich im gebet.

    dann erkundungen auf dem internet. aber ganz gescheit werde ich nicht.

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