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Was machen Sie den ganzen Tag?

Foto: Was machen Sie den ganzen Tag?

Früher ging ich regelmässig mit Lehrer-Kollegen beim Chinesen mittagessen. Als der sympathische Wirt fragte, „Sind sie auch Leh(r)e(r)?“, verneinte ich. Ich sei Pfarrer und arbeite in der Kirche nebenan. „Was machen Sie den ganzen Tag?“, wollte er wissen.

Damit hatte er mich auf dem falschen Fuss erwischt.

 

Ich stammelte etwas von Gottesdienst feiern, Unterricht geben (was er mit der Bemerkung, „Aber Sie sind doch nicht Leh(r)e(r)!“ quittierte), Kranke im Spital besuchen („Sind Sie A(r)zt?“), …

Heute, zehn Jahre später, ist mir endlich klar, was ich hauptsächlich mache: Planen, planen und vorbereiten.

 

Morgen besuche ich mit den Konfirmanden den Friedhof. Ich muss das Arbeitsblatt aktualisieren und mich mit dem Friedhofgärtner absprechen. Ich darf nicht vergessen, ihn zu fragen, was mit künstlichen Hüftgelenken geschieht, die bei der Grabräumung nach 25 Jahren im Boden übrig bleiben. Eine Schülerin hat schon dreimal gefragt.

Für das Taizé-Gebet am kommenden Freitagabend werde ich mit dem Team die Fürbitte-Gebete und Lieder auswählen. Am selben Freitag treffe ich ein Brautpaar, um zusammen den Traugottesdienst im August vorzubereiten. Am Sonntag feiern wir Gottesdienst mit den Schülern. Ich muss mich mit den Katechetinnen absprechen und die Predigt vorbereiten.

Über Auffahrt verbrachte unsere Gemeinde fantastische Tage in den Bergen. Für 2017 habe ich dasselbe Haus wieder reserviert. Für 2016 suche ich verzweifelt nach einer Alternative mit Platz für 120 Personen. „Sie sind aber spät dran!“, sagte eine Empfangsdame vorher am Telefon.

Gestern schrieb jemand, ob es vor Weihachten wieder ein Musical geben werde… Gute Frage, denn das muss ich bis Mitte Juni entscheiden, um PLANEN zu können. Dasselbe gilt für die Frage von vorgestern, ob wir im nächsten Jahr eine Gemeindereise organisieren und wenn ja, wohin.

Wer nicht gerne plant und nicht schon mit dem Kopf im nächsten – ach was – im übernächsten Jahr ist, sollte nicht Pfarrer/in werden. Das ist das eine. Das andere ist: Pfarrer/in ist ein spiritueller Beruf. Er steht und fällt mit der Christus-Verbundenheit. Doch diese erlebe ich hauptsächlich, wenn ich mich auf den jetzigen Moment einlasse und auf die Person, die gerade vor mir steht.

Wie bitte soll ich das zusammen bringen, ohne verrückt zu werden?

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8 Kommentare

  1. im lotussitz auf meinem meditationsplatz – die umweltbelastung auf das elementare reduziert. nicht den ganzen tag, aber immer wieder etwa ein paar stunden. und das ganze leben wird dadurch umweltfreundlicher, indem ich den traum vom fliegen nicht anders zu verwirklichen brauche, und so auf dem erdboden lande, dass ich gerne bin, wo ich bin.

  2. Lieber Dominique
    Ich weiss sehr genau von was du sprichst, den auch ich bin bei der Planung für 2016 die und bin dabei schon wieder spät dran…. Und dann lese ich im Evangelium: Sorgt euch nicht um morgen, jeder Tag hat seine eigene Sorge.
    Vielleicht ist das ja des Übels Kern: wie organisieren Kirche statt sie zu sein. Aber ich weiss auch nicht wirklich eine Lösung.
    Ich spüre nur, dass wir etwas verändern müssen. Dein Beitrag hat mich sehr zum Denken angeregt. Herzlichen Dank!

    • Hallo Sylvia
      Danke für deine Antwort. Du sprichst genau an, was mich beschäftigt: Kirche organisieren. Ein „bitz“ braucht es das ja schon, aber es steht m.E. oft in einem krassen Missverhältnis.
      Im Kleinen versuche ich, was dagegen zu tun. Beim Gebet im Gottesdienst z.B. bete ich wirklich und bin in Gedanken nicht schon beim Segen. Oder ich singe ein Lied bis zum letzten Ton und krame in der letzten Strophe nicht schon in den Predigtunterlagen… Ein bisschen hilft’s….

      Liebe Grüsse

      PS: Wie war das nochmal mit den Strassenexerzitien in Tel Aviv… 🙂 ??

    • falls ihr lust auf etwas ökumene habt, schaut doch mal in meinen blog: kool-krass-katholisch. oder wie eine katholikin feministische theologie zu betreiben versucht.

      und vielleicht mögt ihr ihn weiterempfehlen. hab nämlich noch kaum leser.

      isabel tiel

  3. ….ich wünsche Dir immer wieder Momente des inne haltens, Zeit um…das zu tun, was Dich lebendig macht.
    Wie wär’s mal wieder mit Rasen mähen?

  4. Christine Straberg 26. Mai 2015 um 16:39 Antworten

    Lieber Dominique!
    Du sprichst mir aus dem Herzen! Erst neulich habe ich eine Taufe für nächsten Mai festgemacht. Die Eltern hatten noch keine Agenda für 2016. Meine dagegen ist jetzt schon recht angefüllt und hat auch schon Termine für 2017. Und wenn ich nicht so rechtzeitig plane, dann s.o.
    Tja, werden wir als PfarrerInnen verrückt bei diesem Spagat? Oder können wir lernen, „Zeit“ noch anders zu fassen als einfach vergehende und zu planende? So ist unser Beruf neben dem „verrückt“ Faktor zugleich auch spannend und inspirierend!

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