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Was Pfarrer in den Wahnsinn treibt

Foto: Was Pfarrer in den Wahnsinn treibt

Bei einer Beerdigung können die Angehörigen den Pfarrer in den Wahnsinn treiben. Sorry, aber das muss mal so gesagt werden, auch wenn es die Ausnahme ist. Es passierte einem Kollegen. Entnervt kam er von einem Trauergespräch zum verabredeten Bier. Es soll sich so abgespielt haben:

 

Pfarrer: „Möchten Sie, dass ich an der Abdankung einen Lebenslauf vorlese?“

Angehörige: „Ja, gerne. Das ist uns sehr wichtig.“

Pfarrer: „Haben Sie schon einen geschrieben?“

Angehörige: „Nein, wir haben gehofft, Sie schreiben etwas.“

Pfarrer: „Okay. Dann erzählen Sie mir bitte: Wo ist Ihr Vater aufgewachsen?“

Angehörige: „Hier im Dorf an der Hauptstrasse, dort wo früher die Sägerei war. Aber das müssen Sie nicht sagen.“

Pfarrer: „Aha. Dann sage ich einfach, dass er aus dem Dorf kam. Welche Ausbildung hat er gemacht?“

Angehörige: „Er machte eine Schreinerlehre und arbeitete im Geschäft unseres Grossvaters. Er sollte es einmal übernehmen. Aber sagen Sie ja nichts von der Schreinerei!“

Pfarrer: „Wieso nicht? Ist das ein dunkles Kapitel in Ihrer Familie?“

Angehörige: „Nein, aber sagen Sie einfach nichts davon.“

Pfarrer: „Ähm… gut. Irgendwann hat er geheiratet und Kinder bekommen. Wann war das?“

Angehörige: „Geheiratet haben die Eltern während des Krieges, aber das müssen Sie nicht sagen. Wir drei Geschwister sind danach zur Welt gekommen. Aber bitte erwähnen Sie uns nicht!“

Pfarrer (leicht genervt): „Natürlich nicht… Hatte Ihr Vater ein Hobby oder besondere Vorlieben?“

Angehörige: „Er ging gerne in den Wald spazieren und Pilze sammeln. Aber das mit den Pilzen müssen Sie nicht sagen.“

Pfarrer: „Hat er jemanden vergiftet?“

Angehörige: „Um Gottes willen, nein. Wir wollen einfach, dass Sie nichts darüber sagen.“

So ging es fröhlich weiter. Natürlich wollte ich später wissen, was er überhaupt noch erzählen konnte. Er sagte es mir unter der Bedingung, dass ich es niemandem weitersage. Versprochen ist versprochen. Sicher aber ist, dass diese Angehörigen den Lebenslauf zu unpersönlich fanden und sich hinter dem Rücken meines Kollegen darüber beklagten.

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10 Kommentare

  1. Interessante Ansichten. Ich lass mir immer ausführlich das Leben schildern und „verspreche“ es so gut es geht mit dem Predigttext. Je mehr ich über diesen Menschen erfahre, desto besser kann ich sein Leben nachvollziehen und in der Predigt widerspiegeln. Oft entdecken Angehörige auch erst durch mein Nachfragen Punkte im Leben, die sie nie war genommen oder verstanden haben.

  2. Eine Beerdigungsansprache wird nicht allein dadurch persönlich, dass ihr ein Lebenslauf vorausgeht. Vielmehr sollte sie in die Situation der Angehörigen und Trauernden hinein gesprochen werden. Da geht es um deren Befinden und den Umbruch, in dem sich Menschen gerade aufhalten. In der Regel bitte ich die Angehörigen schon bei der Terminabsprache für das Trauergespräch, einen Lebenslauf mit den wichtigen Lebensstationen des Verstorbenen zusammemzustellen. Ich betone dabei, dass es nicht darum, etwas zum Vorlesen zu verfassen, sondern eher darum, dass es für das Gespräch einfacher ist, wenn ich nicht alles mitnotieren muss. Bei der Gottesdienstvorbereitung kann ich dann entscheiden, welche Sätze ich übernehme, weglasse oder ergänze. Bisher habe ich mit diesem Vorgehen gute Erfahrungen gemacht. Und sollte mal weder etwas schriftlich vorliegen noch im Gespräch zu Tage gefördert werden können, dann kann auch das in gewisser Weise thematisiert werden. Auch dann kann es gänzlich ohne Lebenslauf sehr persönlich werden.

  3. hm…. ja und nein.
    ich mache gut erfahrungen damit, die angehörigen erzählen zu lassen. und zwar auch details, anektoten. und dann so selbst ein bild des verstorbenen zu zeichnen, das ein dritter durch die augen der trauerfamilie gewonnen hat.

    so ein trauergespräch verlangt viel arbeit. für die trauerfamilie ist oft der lebenslauf viel zentraler als die predigt, und da finde ich es wichtig, auch „mitreden“ zu dürfen, heiligenscheine selber etwas beschädigen zu dürfen und umgekehrt auch etwas würdigend hervorheben zu können.

    das birgt fallen und fettnäpfe. trotzdem erlebe ich sehr gute rückmeldungen.

  4. Es gibt auch das Gegenteil: zu lange Lebensläufe. Kürzlich erhielt ich 6 Seiten nach dem Motto: „Als Sechseinhalbjährige hat sie sich den Nagel am linken Zeigefinger aufgerissen.“ Ich hätte 40 Minuten lang vorgelesen.
    Da muss man m.E. Einfluss nehmen. Die lange Version können die Angehörigen ja für sich aufbewahren.

  5. Ich denke auch, dass es nicht die Aufgabe der Pfarreperson ist, einen Lebenslauf zu schreiben. Gewisse Angehörige tuen sich damit zwar schwer, aber ich erkläre es ihnen dann immer damit, dass wir damit alle auf der „sicheren“ Seite sind: Sie, indem sie sich überlegen müssen, was sie den Menschen über ihre Verstorbene/ ihren Verstorbenen sagen wollen und ich, weil es eben ihr und nicht mein Text ist.
    Das Schreiben des Lebenslaufs gehört zur Trauerarbeit und ist- wie der Name ja sagt- halt auch eben „Arbeit“.

  6. Ich hätte den Angehörigen dann offen und ehrlich gesagt, dass ich so keinen Lebenslauf formulieren könne und sie vor die Wahl gestellt, ihn a) selber zu schreiben oder b) darauf zu verzichten und mit einer unpersönlichen Predigt vorlieb zu nehmen. Ich musste auch schon Trauerfamilien darauf hinweisen, dass wo man nichts sagen darf, es auch nicht persönlich werden kann… Das stiess jedes Mal auf Verständnis.

  7. Ich muss dazu sagen, dass ich jeweils aus dem Leben der Verstorbenen, der Situation der Trauernden und der Abschiedssituation auf der Basis eines Bibeltextes die Predigt formuliert hatte. Die enthielt jeweils zahlreiche Stationen aus dem Leben. Einen eigentlichen Lebenslauf habe ich jedoch nie für die Angehörigen ausformuliert, habe aber – wo gewünscht und vorhanden – diesen gerne vorgelesen.

  8. Lustig. Wer sich als Schreiberling für Lebenslauf hergibt ist selber schuld. Ich lese nur ab, wenn die Angehörige etwas geben. Ich formuliere nicht einmal die Sätze, sondern lese einfach ab. Das dann O-Ton und Pfarrer-Interpretation.

  9. Grundsätzlich bin ich einverstanden. Aber ich denke, dass es Ausnahmen gibt. Dort, wo die Leute – aus verschiedenen Gründen – nicht fähig sind, etwas selbst zu formulieren, kann es ein „Liebesdienst“ der Pfarrerin oder des Pfarrers sein, diese Arbeit für sie zu machen. Aber auch da empfiehlt es sich dringend, den Text gegenlesen zu lassen.

  10. Aus diesem Grund habe ich mich stets geweigert für die Leute einen Lebenslauf zu schreiben. Ich sah das nie als meine Aufgabe an. Wenn Leute einen Lebenslauf wollen, so mein Gedanke, dann sollen sie diesen auch schreiben.

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