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Was tröstet? Zur Jahreslosung 2016

«Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten.» Dieser Vers aus dem Propheten Jesaja (66,13) ist die Jahreslosung 2016. Viele Menschen
brauchen Trost in diesem neuen Jahr. Die Hinterbliebenen der ermordeten
Familie in Rupperswil ganz besonders, die Freunde, Verwandten, das ganze
Dorf. Aber auch andere Menschen sind belastet durch Krankheit, den Verlust
geliebter Menschen oder ein anderes schweres Schicksal.
Die Sehnsucht nach Trost und Geborgenheit ist in jedem Menschen angelegt,
selbst bei solchen, denen es eigentlich gut geht. Melancholie und Trauer
schleichen sich manchmal grundlos in Herzen ein. Selbst der glücklichste
Mensch kennt das Gefühl, das sich im Falle eines Verlustes, eines Versagens
oder gar der Verzweiflung einstellt: Leere und Angst, trübe Stimmung und
innere Kälte.
Was Jesaja hier den Menschen in Aussicht stellt: Trost, wie ihn nur eine
Mutter schenken kann, ist ein ganz einfaches, aber umso tieferes Bild, das von Menschen rund um die Welt verstanden werden kann.
Das Bild des Trostes ist so stark, dass die Verfasser des Heidelberger Katechismus vor mehr als 450 Jahren die Frage nach dem einzigen Trost im Leben und im Sterben ganz an den Anfang stellten. «Was ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben?»

Diese Frage steht vor allen anderen Fragen, welche die Menschen
mit den wesentlichen Inhalten des christlichen Glaubens vertraut
machen sollten.
Trost bedeutet aufgehoben und geborgen sein bei Gott. Es bedeutet, von Gott geliebt zu werden, von Gott umsorgt werden, von ihm gegen Anfeindungen in Schutz genommen werden – wie das eben eine Mutter für ihre Kinder tut.
Interessanterweise ist die Antwort des Katechismus auf die Frage nach dem
Trost nicht etwa «Gott» oder «Jesus Christus». Die Frage lautete ja auch
nicht «Wer ist …», sondern «Was ist mein einziger Trost …?» Mein einziger
Trost ist gemäss der ersten Antwort des Heidelberger Katechismus die Tatsache, dass ich nicht mir selbst, sondern «meinem Heiland Jesus Christus» gehöre.

«Was ist mein einziger Trost im
Leben und im Sterben?» Die erste Frage des Heidelberger
Katechismus

Ist es nicht eigenartig, dass der Heidelberger eine «eigentumsrechtliche» Antwort auf die Frage nach dem einzigen Trost gibt? Ich glaube nicht, dass es dieser Formulierung um Besitzverhältnisse geht. Vielmehr geht es um den Hinweis, wie heilsam und befreiend es sein kann, sich aus der Fixierung auf sich selbst zu lösen und sich Jesus Christus zu schenken. Wer sich selbst sucht, wird sich verlieren. Wer Gott sucht, wird nicht nur Gott, sondern auch sich selbst finden. Im Glauben geht es um eine Beziehungsqualität, die alles Wesentliche im Leben nicht von sich selbst, sondern von Gott erwartet: Von Gott eben, der bei Jesaja wie eine tröstende Mutter dargestellt wird.
Sich in offene Arme fallen lassen, sich schützend halten lassen ohne erdrückt
zu werden. Getragen werden und wieder frei gelassen werden im Wissen darum, dass aufmerksame und liebende Blicke einem folgen. Eine tröstende Mutter will ihre Kinder nicht besitzen. Gerade weil sie sie loslässt, werden sie immer wieder zu ihr zurückkehren. Gottes Trost ist nicht nur für traurige oder
leidende Menschen. Gottes Trost ist für alle. Wer sich Gott schenkt, darf getrost und frei leben. Frei von selbst auferlegtem Zwang. Frei von Verlust- und Versagensängsten. Frei zum Leben in Nächstenliebe und Solidarität. Damit bin ich wieder beim Anfang dieses Textes: Viele Menschen brauchen Trost in diesem neuen Jahr. Es ist an jedem von uns, Gottes mütterlichen Trost weiter zu verschenken.

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2 Kommentare

  1. I understand your feelings exactly. It is the same here in USA for me even between Democrates and Republicans….same in Christ but that is hard to get consolation.
    My ancestors came from Schafisheim in the 1500s and some Wildy and Steinner family still buried there.
    Bless you, Frank

  2. „viele menschen brauchen trost“ – mein erster gedanke der an die flüchtlinge. die dann folgende konzentration auf christus empfinde ich darum als problem. trost und die damit verbundene mutterbeziehung oder mutterbindung kann ich nicht als ganz so grundlegend („vor allen anderen fragen“) sehen. wem ich gehöre oder nicht gehöre ist in meinen augen eine nicht so geschickte fragestellung. die zugehörigkeit kann wesentlich sein, aber auch hier möchte ich mich nicht speziell e i n e r religion zugehörig fühlen.

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