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Weder Staat noch Verein – Gedanken nach den Wahlen

Wahlurne
Wahlurne (Bild: Kanton Aargau)

In den meisten Kirchgemeinden unserer Landeskirche sind die Gesamterneuerungswahlen für die Synode, für die ehrenamtlichen Kirchenpflegemitglieder und für das Pfarramt und sozialdiakonische Amt vorbei. Im Umfeld der Wahlen wurde besonders deutlich, dass sich Strukturen und wesentliche Abläufe unserer Landeskirche ganz nah an jenen des Kantons und der politischen Gemeinden orientieren. Ein Hauch von Politik wehte in den letzten Wochen durch unsere Kirchgemeinden, Berichte von Konflikten schwappten in die Medien.

Ein Hauch von Politik wehte in den letzten Wochen durch unsere Kirchgemeinden.

Und doch: wir sind nicht der Staat oder die politischen Gemeinden. Während sich dem Staat oder der Staatszugehörigkeit niemand entziehen kann, ist das bei der Kirche nicht der Fall. Jede Bürgerin, jeder Bürger ist bei einer Gemeinde gemeldet, kommt aber problemlos an der Kirche vorbei: Mitglied in der Kirche zu sein, unterscheidet sich für viele Menschen kaum von der Mitgliedschaft in einem Verein. Aber wir sind auch nicht einfach ein Verein, der mehr oder weniger interessierte Personen um einen bestimmten Vereinszweck versammelt.

Wir sind Kirche. Wir sind Landeskirche. Das heisst: Menschen mit ganz unterschiedlichen Erwartungen, Hoffnungen, geistlichen, menschlichen oder sozialen Bedürfnissen zählen sich zu unserer Kirche. Viele von ihnen kennen wir kaum. Aber sie gehören dazu und tragen unsere Kirche mit. Nicht nur, aber auch und insbesondere finanziell. Wir dürfen also nicht so tun als seien wir der Staat, aber auch nicht so, als seien wir ein Verein.

Auftrag und Inhalt der reformierten Kirche ist das Evangelium, die gute Botschaft der Versöhnung, des Lebens und der Liebe zu allen Menschen. Diese Botschaft ist zu jeder Zeit unaussprechlich, unerhört und unglaublich. Vom Unaussprechlichen reden, auf das Unerhörte hören, das Unglaubliche glauben: Aus diesem Widerspruch ergibt sich eine fruchtbare Spannung. Je mehr wir dankbar sind und darüber staunen, dass wir von der unaussprechlichen Liebe, dem unglaublichen Versöhnungswillen Gottes und der unerhörten Verheissung des Lebens betroffen sind, desto verständlicher, glaubwürdiger und hörbarer können wir davon reden und danach handeln. Dafür sind wir Kirche, und das unterscheidet uns sowohl von politischen Gebilden als auch von einem Verein.

Vom Unaussprechlichen reden, auf das Unerhörte hören, das Unglaubliche glauben

Ich wünsche den Wieder- und Neugewählten, aber auch und besonders den im Dezember Zurücktretenden, dass sie sich jederzeit getragen fühlen von dem, was sie im Glauben empfangen. Dann werden Menschen unterschiedlichster Hintergründe und Erwartungen ihre Kirche, ihre Menschen und Mitarbeitenden, mitten im Leben wahrnehmen: im Scheitern wie im Gelingen, im menschlich-allzu menschlichen Streiten wie im gottesdienstlichen Feiern. Ich wünsche allen einen guten Abschluss, und einen gesegneten Start in die neue Amtsperiode.

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