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Wenn du stirbst, holt es dich ein

Foto: Wenn du stirbst, holt es dich ein

Ich war kürzlich am Sterbebett der liebenswürdigsten und nettesten Seniorin, die ich kenne. Sie war Zeit ihres Lebens die Ruhe und der Frieden selbst.

Doch als ich sie im Sterbebett sah, erkannte ich sie nicht wieder: Sie schlug um sich, sie kämpfte, schlug in die Luft und schrie. Sie hielt die Arme in die Luft, als würde sie darum bitten, dass jemand sie erlöst.
Nein, Schmerzen habe sie keine, versicherte mir die Pflegerin.

Ich blieb eine Zeitlang bei der Seniorin. Betete für sie, segnete sie und ging wieder. Ihr Kampf dauerte 4 Tage bis sie ihre sterbliche Hülle hinter sich lassen konnte.

Mich beschäftigte der Tod der Seniorin noch ein paar Tage. Bisher erzählten mir die Angehörigen von Verstorbenen jeweils immer: Und er oder sie schlief friedlich ein. Man liest das auch immer in den Todesanzeigen. Noch nie hatte mir jemand von einem Todeskampf erzählt. Oder es stand in der Anzeige: „Sein Sterben war ein harter Kampf“.

Als ich ein paar Tage später mit einer Kollegin joggen war, die viele Jahre im Spital arbeitete, fragte ich sie, ob sie das kenne, dass Menschen „Todeskämpfe“ haben im Sterben. Sie bejahte meine Frage und erklärte mir, dass sie aus den vielen Sterbenden, die sie gesehen habe, geschlossen habe, dass jeder Mensch in seinem Sterben von seinem Leben eingeholt würde: Was ungelöst ist, ist im Sterben wieder da: Streit, Hass, Entzweiung, misslungene Beziehungen, das komme dann wieder hoch. Die Sterbenden könnten nicht gehen, weil sie merken, dass sie das Ungelöste nicht zurücklassen könne. Aus diesem Grunde sei es ihr wichtig, jederzeit mit allen Menschen „im Reinen“ zu sein.

Wenn dem wirklich so ist, und wir im Sterben schmerzlich sehen, wo noch ungeklärte oder misslungene Beziehungen sind, dann wäre es vielleicht besser, diese jetzt in Ordnung zu bringen, wenn ich die Zeit und Kraft dazu habe. Und so suchte ich die Nummer eines Ex-Freundes aus der Jugendzeit heraus…
…allerdings habe ich es noch nicht gewagt anzurufen.

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5 Kommentare

  1. Es war vor knapp zwei Jahren. Bevor ich für mehr als zwei Monate alleine verreisen wollte, versuchte ich auch mein Leben noch ein wenig auf zu räumen. Denn ich wusste dass Dinge, die ungelöst zurück blieben sich nicht von selbst erledigen. Es ist nicht einfach, den täglichen Trott zu überwinden und das eigene Leben auf Herz und Nieren zu prüfen.
    Dennoch tat ich es und konnte anschliessend sehr entspannt gehen und habe eine wunderbare Zeit- gemeinsam mit Gott erlebt.

  2. liebe susanne, wahrscheinlich lassen sich nicht alle konflikte, die wir haben „face-to-face“ lösen. aber ich denke, wer mit seinen gesamten wesen (herz, kopf, körper, alles) den schritt zur vergebung (um vergebung bitten bzw. vergeben zu können) schafft, der kann loslassen.
    natürlich ist gott barmherzig. das schliesst aber den sterbenskampf nicht aus.

  3. Dein Bericht bringt mich echt ins grübeln….Kann ich wirklich mit Allen im „Reinen“ sein? Oder aber genügt es auch wenn ich im Gebet um Vergebung bete? Ich denke nicht, dass ich die Kraft habe, gewisse Konflikte mit jenen Menschen die mich zu tiefst verletzt haben zu bereinigen…
    Warum müssen wir noch einen Sterbenskampf aushalten? Wir haben doch einen barmherzigen Gott.

  4. ist das nicht werkgerechtigkeit? so weit es möglich ist, ist eine konfliktverarbeitung sicher empfehlenswert. aber in allem „im reinen“ sein, das können wir nicht. wo ist da die vergebung? zen sagt: „stirb, während du lebst, damit du nicht stirbst, wenn du stirbst!“ wenn wir vom imperativ absehen, scheint mir das als indikativ die ursprünglichste wahrheit des neuen testaments zu sein und wohl aller religionen und auch nicht-religionen.

    • hallo michael vogt, ich finde den versuch mit allem in reinen zu seinen keine werkgerechtigkeit. denn es dient in erster linie mir selbst und ich tue es für mich und nicht, weil ich jemandem einen gefallen tun will. aber natürlich ist es eine hohe erwartung mit der ganzen welt im reinen zu sein, wenn man stirbt. ich denke auch nicht, dass man das muss. aber wenn man die zeit und kraft dazu hat ist es für alle beteiligte besser, hier auf dieser erde und in diesem leben frieden zu finden. das schliesst die vergebung gottes nicht aus, wir werden immer darauf angewiesen sein.

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