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„Wenn er tot ist, müsst ihr auch nicht mehr kommen“

Foto: „Wenn er tot ist, müsst ihr auch nicht mehr kommen“

Ein paar Gedanken übers Abschiednehmen

In letzter Zeit führte ich durch einige Beerdigungen, die nur noch am Grab und im engsten Familienkreis stattfanden. Keine anschliessende Abschiedsfeier in der Kirche. Keine Öffentlichkeit. Für mich selbst ist das eigentlich praktisch, da es viel weniger vorzubereiten gibt. Aber eigentlich finde ich diesen Trend problematisch.

Wenn ich die Angehörigen nach dem Grund frage, warum sie eine so kurze und private Form des Abschiednehmens wählen, höre ich ganz verschiedene Gründe:

„Ach, sie war schon so alt, es kannte sie eh niemand mehr.“

„Wissen sie, als er ganz allein im Altersheim war, da kam ihn auch niemand mehr besuchen, warum sollten wir jetzt einen Abschied für alle machen?“

„Es ist sonst schon so traurig, dass er nicht mehr da ist, da ertrage ich keine Menschen, die noch dabei sind und kondolieren“

„Ich will all die Neugierigen nicht dabei haben. Sind ja eh alles nur Heuchler und Neugierige.“

„Ja, das hätte ihr gefallen, wenn nun alle kämen und Abschied nehmen würden, aber wir sind dagegen.“

Hinter den meisten Aussagen spüre ich Frust, Ärger und Enttäuschung der Angehörigen. Und es scheint mir, als wollten sie aus diesen Gefühlen heraus, den Abschied „nur für sich“ feiern und die „anderen“, die dabei aus ihrer Sicht stören würden, ausschliessen.

Offensichtlich geht der Grundgedanke verloren, warum es Sinn macht, einen Abschied gemeinsam mit Freunden, Bekannten, weit entfernt Verwandten, sogar mit der Gemeinde zu feiern.

In einer grossen Gemeinschaft Abschied von einem Angehörigen zu nehmen, kann ein Gefühl des Trostes vermitteln, ein Gehalten-Sein besonders in diesen schwierigen Momenten. Die Trauer wird geteilt. Kommt zur Sprache. Man wird als Teil einer Lebensgemeinschaft gehalten. Menschen nehmen Anteilnahme, sie wissen um das Leid, wenn jemand stirbt. Und sie sind da mit guten Gedanken und guten Wünschen. In der Gemeinschaft erfährt man Trost. Im kleinen Kreis dagegen bleibt man mit der Trauer unter sich. Alleine. Isoliert.

Aber da ist noch mehr. Durch den Abschied im engsten Familienkreis nimmt man den Bekannten und Freunden die Möglichkeit in einer rituellen Form Abschied zu nehmen. Man darf nicht unterschätzen, dass man hier Menschen etwas vorenthält, das sie nicht selbst nachholen können. Man schliesst sie aus. Und trennt sie damit noch ein Stück mehr von sich. Meistens wissen ja die entfernten Bekannte oder Nachbarn von dem Todesfall und haben Mühe, einem wieder ganz normal zu begegnen, wenn sie nicht einmal ihr Mitgefühl, ihr Andenken ausdrücken konnten, auch wenn das nur im scheinbar formalistischen Kondolieren geschieht. Das kann sich eine Zeit lang schwierig in zufälligen Begegnungen auswirken. Und die Trauernden noch einsamer machen in ihrem Abschied.

Und zu guter Letzt: Erst der Tod hilft mir das Leben zu verstehen. Bei jedem Abschied werde ich mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert. Im Anblick des Todes werde ich mir bewusst, wie wertvoll das Leben – mein Leben- eigentlich ist. Und in solchen tiefen Momenten mache ich mir Gedanken, was mir im Leben wichtig ist und was ich einst meinen Mitmenschen hinterlassen möchte.

Ich wünsche mir einst bei meinem eigenen Abschied, dass alle kommen dürfen, die das möchten. Und dass nach der Beerdigung gegessen, getrunken, geweint und gelacht wird. Und dass die Trauernden an diesem Tag Kraft finden, um gemeinsam ihr neues Leben ohne mich beginnen zu können.

Und was wünschen Sie sich für ihre Beerdigung?

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10 Kommentare

  1. Etwas verspätet möchte ich mich doch auch noch melden, denn der blog-Beitrag spricht mir sehr aus dem Herzen. Vergangenen Sonntag war der Ewigkeitssonntag, in dem die Namen aller Menschen, von denen man in der Kirchgemeinde im vergangenen Kirchenjahr kirchlich Abschied genommen hat, nochmals verlesen wurden.
    Dazu wird jeweils für jede verstorbene Person eine Kerze angezündet. Darnach gibt es die Gelegenheit, bei Bedürfnis noch selber eine Kerze für auswärts Beerdigte anzuzünden. Beim Verlesen hat es immer wieder Leute dabei, die wir zwar kannten, aber von deren Tod wir nichts oder nur verspätet vernommen haben, was uns immer leid tut.
    Auch wenn wir vielleicht nicht an der Abschiedsfeier hätten teilnehmen können, aber ein Gedanken an die verstorbene Person, eine gemeinsame Erinnerung, eine Kondolenzkarte etc. hätte zu einem „runden“ Abschied nehmen gehört. Deshalb gebe ich mir auch immer grosse Mühe, Kondolenzbriefe persönlich zu halten, gemeinsame Erinnerungen zu erwähnen und nicht nur die Unterschrift unter eine anonyme Kondolenzkarte zu setzen.
    Da erinnere ich mich an den Tod meines älteren Bruders vor über zehn Jahren. Da in unserer Beziehung „etwas Sand im Getriebe war“, verbot seine Lebenspartnerin meiner Schwester, mir etwas vom Tod zu sagen, als sie meine Schwester informierte.
    Nun, ich erfuhr es natürlich trotzdem. Die Lebenspartnerin wollte keine Beerdigung und so fand der Abschied von meinem Bruder nie richtig statt, auch wenn wir uns zeitweise etwas entfernt hatten. Noch einige Jahre lang ertappte ich mich dabei, wenn ich in seiner Stadt unterwegs war, dass ich plötzlich von weitem einen Mann sah, der ihm glich und wenn ich hingehen wollte, plötzlich merkte, dass er es ja niemals sein konnte. Er war ja tot. Der Abschied hatte nie stattgefunden und so lebte er in meiner Erinnerung immer noch.
    Ich finde – abgesehen von meiner persönlichen Geschwister-Geschichte –es sehr wichtig, dass ein Todesfall kommuniziert wird. Darnach steht es jedermann frei, an die Abschiedsfeier zu gehen oder nicht. Aber immerhin hat man die Möglichkeit, in Gedanken, einer Karte oder persönlich Abschied zu nehmen und ein Kapitel eines gemeinsamen Lebensstückes abzurunden, abzuschliessen.
    Bei meiner eigenen Beerdigung wünsche ich mir jedenfalls, dass unsere Kinder Verwandte, FreundInnen, Bekannte und NachbarInnen rechtzeitig informieren.
    Persönlich wünsche ich mir jedenfalls einen „richtigen“ Abschiedsgottesdienst in der Kirche, wo wir Jahrzehnte ein- und ausgegangen sind. Und an meiner Abschiedsfeier soll gesungen und musiziert und gepredigt werden. Darnach sollen Verwandte, Freundinnen und Bekannte die Möglichkeit haben, noch eine Weile an einem Abschiedsapéro zusammen zu kommen, denn jede Abschiedsfeier hat auch eine „gesellschaftliche“ Seite, die nicht zu unterschätzen ist, wo sich Menschen treffen, gemeinsame Erinnerungen austauschen etc.
    Auch für die Angehörigen, eine Fährfrau nennt sie „die Dagebliebenen“ ist der Austausch von Erinnerungen sehr wichtig, hören sie doch da von mancher Geschichte der verstorbenen Person, die sie gar nicht kannten. Das ist auch ein Stück positive Trauerarbeit. Das haben mir schon mehrere Witwen und Witwer bestätigt.

  2. Hallo zusammen
    Gerade dieser Text hat mich noch nachdenklicher gemacht.
    Mein Mann leidet an gerade so einer Situation.
    Sein bester Freund starb im Sommer. Es hiess einfach nur die Familie, er wollte dies so. Das kann ich mir aber gar nicht vorstellen, denn er wahr sehr kommunikativ und kannte viele Leute. ich denke dies war der Wunsch der Ehefrau. Leider durfte mein Mann nicht teilnehmen. Er wollte anscheinden ein anonymes Grab. Nun steht mein Mann da, weiss nicht wo erst ist auf dem Friedhof und kann heute noch nicht Abschied nehmen. Somit ist leider nicht nur er betroffen, sondern die ganze Familie leidet.
    Aus Höflichkeit möchte er nicht mal nachfragen.
    Sorry musste dies hier einfach mal niederschreiben.
    Bitte denkt doch auch an die Hinterbliebenen bei dem Begräbnis!

  3. Liebe Corinne
    Danke für deinen guten und treffend formulierten Artikel. Als Amts- und Berufskollege kann ich deine Worte voll unterschreiben. Deine Beobachtungen und deine Gedanken dazu sind für alle Pfarrerinnen und Pfarrer von grossem Gewinn. Es lohnt sich, sich mit dem neuen Trend beim Abschiednehmen ernsthaft auseinanderzusetzen.
    Mit dankbaren und frohen Grüssen
    Hans Zaugg, Oberdiessbach

    • lieber hans zaugg
      danke für das feedback. ich habe gerade vor kurzem in der zeitung gelesen, dass an in unserer stadt 1/3 aller todesfälle gar nicht mehr bestattet werden. das stimmt mich nachdenklich.

  4. Danke für die klare Position. Wir in Schaffhausen Herblingen machen die gleichen Beobachtungen – und kommen zur gleichen Schlussfolgerung wie die Kollegin (siehe Plädoyer). Es hat schon seinen Sinn, dass eine Beerdigung grundsätzlich öffentlich ist und rechtzeitig dazu eingeladen wird. Für extreme Situationen (Promis und Verbrecher – sorry für die Nähe der beiden Personengruppen) schlagen wir zwei Abdankungen vor: eine privat und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die andere „offiziell“, ohne allzu Persönliches anzusprechen.

  5. Liebe Corinne, das ist ein sehr sehr wichtiger Beitrag!

    Dankeschön.
    Ich kann es eigentlich gar nicht fassen, dass es wirklich ein Trend ist. Gerade im Abschied kann man dem Toten noch einmal nah kommen, kann die Beziehung wertschätzen aber auch den anderen Raum und Zeit geben sich zu verabschieden.

    Ich finde es soooooooooooooo wichtig, dass sich Menschen anhören beim Kondulieren, was sie über den Toten zu sagen haben, wie sehr sie ihn gemocht haben … wie sehr sie den Angehörigen Trost und Vertrauen ins Leben schenken.

    Ich lade Sie herzlich ein, in unserer November-Blogaktion mitzumachen. Ihnen fällt bestimmt ein schönes Thema ein um mitzumachen … greifen Sie doch genau diese Überlegungen noch einmal auf?

    Herzlicher Gruß
    Petra

  6. als meine mutter 40 wurde, lud sie zu ihrer „grebt“. sie wollte, dass verwandte und bekannte sich versammeln, solange sie noch lebt. unsere band spielte. heute ist sie 85. falls ich sie überleben sollte, werde ich mich mit gehörschutz in die kirche setzen. an beerdigungen etwas weniger nahestehenden bin ich nie, wegen einer ernstzunehmenden unverträglichkeitsreaktion auf lautsprecheranlagen. deswegen fühle ich mich aber nicht isoliert. allein sein ist eine athropologische kategorie, und wenn man telepathie und anderes bedenkt, nicht so absolut zu verstehen. ich muss gestehen, dass ich manchmal einen moment lang nicht mehr weiss, wer schon gestorben ist, und wer noch lebt. die erinnerung und die verheissung, dass wir die verstorbenen wiedersehen werden, dass sie vollkommen erleuchtet sein werden, vermittelt mir eine freie beziehung zum ritual, zum dabeisein… für meine eigene beerdigung habe ich natürlich einige narzisstische wünsche, die mich aber nicht plagen. und ich kann auch gut damit leben, dass eine pfarrperson für den abschied zuständig wäre, die weder an gott noch an ein leben nach dem tod glaubt. ich finde, es kann auch eine willkommene herausforderung sein, mit ganz wenig auszukommen. würde eine mir nahestehende person in einem fernen land durch einen flugunfall ums leben kommen, würde ich die erwartung an mich stellen, ihren tod verarbeiten zu können, ohne an die unfallstelle zu fliegen. mit meiner antwort beschreibe ich einen anderen aspekt und verstehe sie nicht als widerspruch zum beitrag von corinne dobler.

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