Beitragslink

5

Wie eine schäbige Pizzeria zum Vorhof des Himmels wurde

Foto: Wie eine schäbige Pizzeria zum Vorhof des Himmels wurde

Oerlikon, morgens um neun. Bevor mein Kurs beginnt, habe ich noch Zeit. Ich komme im Quartier an einer leicht heruntergekommenen Pizzeria vorbei. Pizza – Italien – guter Kaffee, denke ich und trete ein. Das braune Kunstlederpolster der Bank, wo ich mich setze, ist mit braunem Paketklebeband geflickt. Im Raum riecht es ein bisschen nach Essen vom Vorabend.
An der Wand gegenüber sitzt eine Gruppe Frauen und Männer, sie reden angeregt miteinander, gestikulieren. Sonst ist es leer.
Ein muskulöser junger Typ nickt mir von der Bar aus zu. Ein wenig gelangweilt wirkt er, und auf seiner Stirn steht: Mir kommt keiner blöd.
Einen Kaffee bitte, rufe ich, und er braut und bringt ihn. Der Kaffee ist so gut wie überall.
Drei weiss gekleidete Leute treten ein, zwei Maler mit einer Lehrtochter. Sie bekommen auch ihren Kaffee und ein Gipfeli dazu. Es ist Znüni-Zeit. Der Blick wird aufgeschlagen, geredet wird wenig.
Dann erscheint ein älterer Mann mit einem kleinen Hund und zwei Plastiksäcken. Die sehen aus, als ob alles drin ist, was er hat. Der Hund legt sich unter den Tisch, der Mann kramt in den Taschen. Der Typ von der Bar bringt ihm Kaffee und Gipfeli, nickt ihm stumm zu. Worte braucht es nicht – der Mann ist offensichtlich Stammgast. Kommt jeden Morgen her, um sich aufzuwärmen.
Es ist friedlich hier. Ein Ort, wie er genau hier gebraucht wird. Ein wenig Akzeptanz und stille Übereinkunft. Nichts von Fassade. Wenn sie könnten, würden sie sicher die Polster neu beziehen. Aber das Wichtigste ist das nicht.

 

Gedicht-Tipp: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“ von Rudolf Otto Wiemer

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (0)
  • berührend (0)
  • lustig (0)
  • nachdenklich (1)
  • wichtig (1)
  • fragwürdig (0)
  • langweilig (0)

5 Kommentare

  1. Man kann sich die Situation bildlich vorstellen, super geschrieben Martin!
    Wenn du das nächste mal in Oerlikon bist gib doch kurz Bescheid, dann lade ich dich auf einen Kaffee ein 🙂

    LG
    Tom

  2. Eine berührende Gegebenheit, warmherzig erzählt und fein beobachtet. Es braucht auch seitens der Kirche nicht tausend Worte, aber liebevolle Zuwendung.
    Diese macht uns glaubwürdig.

  3. Lieber Martin

    Gespräche, auch kritische, sind gut. Stille Übereinkunft ist aber sehr gut und schön. Du hast das sehr stimmig geschrieben!

    Liebe Grüsse

    Heinrich

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.