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Wie ich Gott durch einen Störenfried hörte

Foto: Wie ich Gott durch einen Störenfried hörte

Eine ganze Woche habe ich in der Iona Community in Schottland verbracht. Am letzten Abend stehe ich vor der altehrwürdigen Abtei und betrachte, wie der Nebel vom Meer heraufzieht und die Mauern umschleicht. Bald laden die Glocken ein zum Abendgottesdienst. Sie werden von Hand geläutet. Auch an diesem Abend lasse ich es mir nicht nehmen, etwas früher in der Kirche zu sein, um allein der Klaviermusik zuzuhören. Ich setzte mich, schliesse die Augen und geniesse den Moment.

Doch er dauert nicht lange. Unter den Leuten, die leise ihre Plätze einnehmen, fällt ein Mann in meinem Alter unangenehm auf. Laut redend schreitet er durch den Mittelgang. Er stört meinen Frieden. Ich hoffe, dass er sich möglichst weit weg hinsetzt und still ist. Doch er bewegt sich genau auf mich zu. Fast hätte er sich auf meinen Schoss gesetzt. Er entschuldigt sich tausendmal und da erkenne ich, dass er blind ist. Sein Begleiter – ich nehme an, es ist sein Vater – hilft ihm, sich am Platz neben mir einzurichten. Offenbar redete der Blinde ohne Pause, um in der Menschenmenge mit seinem Vater in Kontakt zu bleiben.

In der Hand hält er das Sing- und Liturgiebuch der Iona Community in Blindenschrift. Seine Finger gleiten über die Seiten. Als wir das erste Lied anstimmen und dann einen Psalm laut lesen, habe ich nur noch Ohren für meinen Nachbarn. Er besitzt eine derart tiefe, klangvolle und faszinierende Stimme, dass ich nur noch ihm zuhöre.

Ich habe noch nie jemanden gehört, der mit solcher Bestimmtheit, Klarheit und Sehnsucht in der Stimme die Bibel liest und singt.

Der Mann, den ich eben noch auf Distanz halten wollte, schafft für mich einen der heiligsten Momente. Wie der Vater seinen Sohn geduldig durch die Kirche an den Platz führt und wie der Sohn dauernd mit ihm redet, um die Verbindung nicht zu verlieren, berühren mich tief. Ich habe den Eindruck, Gott spricht zu mir: Genau so möchte ich dich durchs Leben führen, bleib mit mir in Verbindung. Und: Lass dich stören. Durch Menschen, mit denen du zuerst nichts zu tun haben willst, werde ich dich am meisten beschenken.

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4 Kommentare

  1. Herzlichen Dank!
    Dein Impuls spricht mich grad auf mehreren Ebenen an…
    Ich sehe Iona vor mir und die besondere Atmosphäre –
    und dann die Situation und Deine Deutung.
    Und überhaupt:
    Die Störenfriede… manchmal ist ja Gott auch ein Störenfried…

    • Hallo Dietlind

      Danke für dein Feedback. Ja, die Atmosphäre in Iona… Wenn es nur nicht so weit weg wäre!

      Lg
      Dominique

  2. Lieber Dominique,
    herzlichen Dank für diesen Impuls! Es ist wirklich ein schönes Bild: der Sohn, der mit dem Vater in Verbindung bleiben will – und das geschieht im miteinander sprechen … Ich habe ab übermorgen Exerzitien und freue mich darauf, wieder mehr ins Gespräch zu kommen! Und ich werde bewusst auf die Störungen achten – ich bin sicher, sie haben auch mir etwas zu sagen!

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