Beitragslink

10

Von der Bibel auf die Kanzel: Wie schreibe ich eine Predigt?

Foto: Von der Bibel auf die Kanzel: Wie schreibe ich eine Predigt?

Mittwoch ist mein Tag, um die Predigt für den nächsten Gottesdienst vorzubereiten. Wenigstens in der Theorie. Sehr oft wird es nämlich Donnerstag oder sogar Freitag.

Der sonntägliche Gottesdienst ist die wöchentlich Herausforderung im Alltag eines Einzelpfarramts. Jede Woche ein rhetorisch ausgeklügelte Predigt zu schreiben, die den biblischen Text in seinem historischen Kontext ernst nimmt und trotzdem in das Hier und Jetzt der Menschen spricht, ist nicht immer einfach. Manchmal fehlen die Inspiration, die Musse oder die Zeit für gute Gedanken. Oder der biblische Text wehrt sich störrisch gegen die Bearbeitung und Auslegung.

Doch – wie schreibt man eigentlich eine Predigt?

Ich gehöre zu den Pfarrerinnen, die ein komplett ausformuliertes Libretto schreiben und habe mir seit Jahren ein Vorgehensmuster angeeignet, um zum Schreiben zu kommen. Ich habe nämlich mal einen Pfarrkollegen erlebt, der den Faden verloren hat und so sehr dabei in Panik geraten ist, dass er die Predigt nicht mehr logisch zu Ende führen konnte. Darum brauche ich meinen gedruckten Text – das gibt mir Sicherheit. (Obwohl ich Pfarrerinnen und Pfarrer, die die Gabe der freien Rede haben, sehr bewundere. Ich habe sie nicht.)

Am Sonntagabend schaue ich mir in der Perikopen-Ordnung (eine Liste von vorgegebenen biblischen Texten für jeden Sonn- und Feiertag) jeweils die vorgeschlagenen biblischen Texte für den kommenden Sonntag an. Manchmal notiere ich sie und stecke mir den Zettel in eine Tasche, wo ich ihn am nächsten Tag wieder herausholen kann. Der Bibeltext begleitet mich in den folgenden Tagen, und ich überlege mir immer wieder, was er mir sagen will oder mit mir macht.

Ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund helfen, sich auf den Text zu fokussieren. Auch beim Bügeln kann man wunderbar über Predigttexte nachsinnen. Natürlich gibt es allerlei Nachschlagewerke, die bei der Vertiefung helfen. Und beim gemeinsamen Abwasch sind auch der Ehemann oder die Tochter gute Diskussionspartner. Irgendwann ist der Text dann reif, und es geht ans Niederschreiben.

Manchmal muss ich aber den ersten Entwurf wegwerfen und von vorne beginnen. Sobald der ganze Gottesdienst fertig ist, lege ich ihn auf die Seite, um ihn mit etwas Distanz an nächsten Tag nochmals zu lesen, zu ergänzen oder zu streichen.

Natürlich gelingt nicht jeder Gottesdienst gleich gut – aber der kreative Prozess macht Spass und ist für mich durchaus auch eine Form von Dienst an Gott und für die Menschen.

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (17)
  • berührend (4)
  • lustig (1)
  • nachdenklich (3)
  • wichtig (6)
  • fragwürdig (2)
  • langweilig (2)

10 Kommentare

  1. Liebe Nadine
    Danke für diesen wertvollen und persönlichen Einblick in ihre Predigtvorbereitung. Persönlich predigte und lehre ich, seit vielen Jahren wöchentlich, leidenschaftlich gerne. Was ich beobachte, gerade auch als ihre Zeilen lass, wie wichtig es ist, dass jeder seinen eigenen „Tramp“ zur Vorbereitung findet. Im Studium lernte ich, dass man sich einen halben Tag Zeit nehmen sollte, um eine saubere Exegese zu erarbeiten. Danach sollte noch «das Fleisch an den Knochen» kommen, um das Ganze zum richtigen Zeitpunkt der Gemeinde rhetorisch geschickt vorzutragen… Was hatte ich für qualvolle Stunden beim vorbereiten… Hin und her bin ich getigert… Am Schluss hat’s dann jeweils doch irgendwie geklappt. Aber der Preis war hoch.
    Für mich kam eine grosse Befreiung, als ich mich davon löste die Predigt an einem bestimmen Wochentag vorzubereiten. Das sieht bei mir nun schon seit vielen Jahren etwas so aus: Als erstes habe ich meine persönlichen Zeiten mit Gott massiv ausgedehnt und verbringe, meistens früh am Morgen, möglichsten viel Zeit in seinem Wort und in seiner Gegenwart. Unter der Woche erhalte ich vom Heiligen Geist Impulse die ich auf einem Voice Recorder (MobilePhone) festhalte. Dann, am Sonntagmorgen früh setze ich mich hin um die Dinge zu ordnen, zu strukturieren, die eine oder andere Studie zu betreiben und eine schöne PowerPoint-Präsentation zu machen. Das dauert dann so ca. 2 Stunden. Die Notizen beschränken sich auf Stichworte und finden auf einem A4 Platz. Auf diese Weise habe ich verglichen zu früher, keine Belastung, viel Inspiration und mindestens einen Tag mehr Zeit für die Menschen in der Gemeinde, wofür ich sehr dankbar bin.

    • Danke, Frau Hassler Bütschi, für Ihre persönliche Stellungnahme zum Umgang mit dem zentralen Auftrag eines Pfarrers, einer Pfarrerin. Ich frage mich aber, ob Sie sich dabei jeweils auch mit dem hebräischen resp. griechischen Originaltext befassen: Diese beiden Sprachen sagen weit mehr aus als zB. die deutsche Sprache! Ebenso wichtig halte ich die Auseinandersetzung mit dem Kontext der gewählten Perikope (Bibelvers/e): Die Aussage der Perikope kann nämlich mit Bezug zum Abschnitt, Kapitel, Buch, Alten resp. Neuen Testament sowie dem gesamtbiblischen Kontext stark ändern!

      Danke, Herr Victor H., für Ihre ausführlichere persönliche Stellungnahme. Besonders sticht mir dabei die „massiv ausgedehnte“ persönliche Zeit mit Gott in seinem Wort und in seiner Gegenwart, sicherlich auch mit Gebet, ins Auge. Diese Gegenwart durch das geschriebene und durch Jesus Christus personifizierte Wort Gottes ist unabdingbar für eine biblische, dh. vom heiligen Geist inspirierte Predigt (siehe Römer 10,17)!

      Solcher Art Predigten wünsche ich uns allen in den evangelisch und/oder reformierten Kirchen oder Kirchgemeinden (siehe Hebräer 13,17), damit viel mehr Menschen die Gottesdienste besuchen kommen, weil der lebendige Gott durch den Prediger, die Predigern uns dient (deshalb „Gottesdienst“ statt „Messe“)! Weiter wünsche ich die Unterstützung der Mitglieder im Gebet für die Predigtvorbereitungen. Der Herr und Gott Jesus Christus segne und leite Sie beide.

      • Nadine Hassler Bütschi 16. Mai 2017 um 21:36

        Lieber Daniel Barrer – da ich eine grosse Liebe für Sprachen habe, nehme ich in der Tat manchmal (aber nicht immer) den Originaltext zur Hand. Meistens dann wenn mich der Vergleich der Übersetzung irritiert. Denn immer lesen ich den Text in der Luther- / Zürcher-/Guten Nachricht Bibel und in der Bibel in gerechter Sprache. Dies auch um zu entscheiden, aus welcher Übersetzung ich gerne im Gottesdienst vorlesen möchte. Ebenfalls in Griffnähe ist die Saint James Bible und eine französische Bibel. Das aber vor allem aus Neugierde, wie der Text in anderen Sprachen klingt. Für das Erste Testament ziehe ich auch gerne die Buber Übersetzung zu Rate. Für meine private Bibellektüre habe ich auch unterschiedliche Übersetzung – denn gewisse mag ich sehr, mit anderen habe ich eher mühe.
        Unsere Professoren an der Uni haben uns immer wieder eingetrichtert, dass wir die Ursprache des Textes nicht vergessen dürfen.
        Liebe Grüsse, Nadine Hassler Bütschi

  2. Liebe Frau Hassler Bütschi

    Das tat richtig gut zu lesen, wie Sie sich auf die Predigt vorbereiten. Nach Schema, aber eben menschlich und nachvollziehbar, das finde ich schön. Eine solche Predigt würde ich gerne hören, oder lesen.
    Freundliche Grüsse
    Käthy Bättig

  3. was ist denn „die“ Perikopenordnung? es sind mindestens vier unterschiedliche Systeme in Gebrauch. Wenn schon, hätte die mündige Gemeinde das Recht zu wissen, welche angewendet wurde. Reformierter Brauch ist ohnehin die lectio continua.

    • Nadine Hassler Bütschi 12. Februar 2017 um 22:00 Antworten

      Sehr geehrter Herr Marti, vielen Dank für Ihr Feedback. Hier noch die gewünschte Ergänzung: Da viele meiner durchaus mündigen Gemeindemitglieder zu Hause das Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeinde haben und lesen, ist der Wunsch entstanden, dass ich zum dort vorgeschlagenen Bibeltext aus der lutherischen Perikopen Ordnung die Predigt halte. Diesem Wunsche entspreche ich gerne.
      Im vollen Bewusstsein, dass Zwingli selber 1519 mit der Auslegung des ganzen Matthäusevangelium begonnen hat, geniesse ich die reformierte Freiheit der „freien Wahl“. Freundliche Grüsse, N. Hassler Bütschi

  4. Liebe Nadine, du sprichst mir aus dem Herzen. Das Predigtmachen ist eine der herausforderndsten Dinge im Pfarramt. Früher schrieb ich die Predigt noch von Hand und tippte sie am Samstag vorher mit der Schreibmaschine ab. Dann kam glücklicherweise der PC, der das Predigtschreiben erleichterte. Und doch ist es auch nach 38 Pfarrerjahren immer noch eine anspruchsvolle, stundenlange und oft nächtliche Arbeit, die sich aber sehr lohnt (> gutbesuchte Gottesdienste) und mir selber viel bringt. Ich bin froh, in einer Gemeinde tätig zu sein, da ich noch einen Kollegen habe und nur alle 14 Tage einen Gottesdienst zu leiten habe. In diesem Intervall ist mein „Aku“ immer wieder geladen. Ich freue mich, an jedem Freisonntag bei meinem Amtskollegen in die Predigt zu gehen. Wir machen übrigens gemeinsame Predigtreihen. Ich wünsche dir viel Freude und persönlichen Gewinn beim Predigtmachen und beim Predigthalten. Frohe Grüsse Hans Zaugg, Oberdiessbach BE

    • Nadine Hassler Bütschi 12. Februar 2017 um 22:02 Antworten

      Lieber Hans, herzlichen Dank für Deine aufmunternden und motivierenden Worten. Liebe Grüsse, Nadine Hassler Bütschi

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.