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Willibald – eine kleine Lektion im Abschiednehmen

Foto: Willibald – eine kleine Lektion im Abschiednehmen

Gestern ist mein Willibald gestorben. Willibald ist – war – ein grosser schwarzweisser Kater, der seit 15 Jahren sein Leben mit mir geteilt hat.

Seit einer Woche ist mir aufgefallen, dass es ihm nicht mehr so gut geht. Er verliess kaum mehr seine Lieblingsplätze im Wäschekorb bei der frischen Wäsche oder im Badezimmer auf der Wärmeschlaufe. Er wird alt, dachte ich, und ging vorsichtshalber noch zum Tierarzt, der meinen Verdacht bestätigte.

Doch dann hörte er auf zu fressen. Mein Mann besorgte ihm Panettone, sein absolutes Leibgericht, doch er verschmähte es.

Am Abend wollte er noch kuscheln und schnurrte wohlig auf meinem Schoss. Als ich ins Bett ging, lag er auf der Wärmeschlaufe und döste. Alles schien normal, doch um 2 Uhr morgens weckte mich ein lautes Röcheln, Atmen und Jammern.

Ich eilte ins Bad und sah Willibald auf der Seite liegen. Ich setzte mich neben ihn auf den Boden und sprach ihm beruhigend zu. Anfassen durfte ich nicht – da wich er mir aus, doch bleiben musste ich. Meine Stimme beruhigte ihn und der Atmen wurde leiser. Sobald ich aber aufstand, um ins Bett zu gehen, fing er wieder an zu röcheln und zu klagen.

So sass ich halt auf den Badezimmerboden und begleitete meinen Kater beim Sterben. Schliesslich ist er mir nie von der Seite gewichten, wenn es mir mal schlecht ging.

Willibald war ein grosser, zäher Kater, der in seinen besten Jahren spielend 7 Kilo auf die Waage brachte, ohne dick zu sein. Er war auch ein sehr sanftes Tier. Als er mal auf einem frisch gedüngten Feld getobt hatte und entsprechend schmutzig und stinkend nach Hause kam, habe ich ihn kurzerhand unter die Dusche gesteckt. Ich habe dabei keinen einzigen Kratzer abbekommen – Willibald aber hat mich drei Tage lang vorwurfsvoll angeschaut. Eben, ein sanfter Kater mit Charakter!

Sein Sterben aber war nicht sanft, sondern nur schrecklich. Langsam strichen die Minuten dahin. Ich wartete auf Erlösung und auf die Öffnung der Tierarztpraxis. Um 6 Uhr war es dann genug – ich holte unseren Tierarzt aus dem Bett. Vor allem auch, weil unsere Tochter, die bis dahin friedlich geschlafen hatte, aufstehen musste. Ihr wollte ich dieses Sterben gerne ersparen.

Meine Familie nahm Abschied von Willibald, und ich legte ihn auf die saubere Wäsche im Waschkorb. Dann ging es auf die letzte Reise.

Beim Tierarzt ging es schnell: Zwei Pieks und Willibald war nicht mehr.

Ich habe schon Kaninchen und Kanarienvögel durch den Tod verloren – doch kein Sterben ging mir so unter die Haut, wie das Sterben meines Katers.

Als ich mit dem leeren Wäschekorb nach Hause kam, wartete meine Familie auf der Treppe. Alle etwas verloren. „Kommt Willi jetzt in den Backofen“ fragte meine Tochter. „Ja, wir bekommen seine Asche“. „Und was machen wir damit?“ Mein Mann fand, wir könnten sie in den Bach streuen, oder in den Wald. Unsere Tochter dachte lange nach: „Wenn Du und Mami sterben, kommt ihr auch in den Backofen?“ – „Mhmm…“ „Und muss ich dann Deine Asche in die Aare (Mein Mann kommt aus Thun) und Mamis Asche in den Rhein streuen?“ Der Gedanken schien ihr zu gefallen.

Mir nicht – mir geht es wie Willibald – ich mag kein kaltes Wasser.

Darum werde ich die Asche von Willibald im Garten beerdigen – und einen Apfelbaum setzten. Bäume mochte er besonders gern – man kann da so schön Vögel beobachten.

Und bei meiner Mutter und einer Schülerin muss ich mich auch noch entschuldigen. Als sie ihre Katze verloren, hatte ich wenig Verständnis gezeigt. Ich fand ihre Trauer etwas übertrieben, oder eine Ausrede, um den Unterricht zu schwänzen.

Ich weiss es jetzt besser –  schliesslich habe ich soeben einen ganzen Blogbeitrag über Willibald geschrieben!

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7 Kommentare

  1. Liebe Frau Hassler

    So schön geschrieben! So ist halt das Leben. Gott gibt uns mit einem Büsi viele freudige Stunden, bis seine Zeit gekommen ist.
    Ich werde heute Abend unseren Kater anders betrachten als noch heute morgen….
    Liebe Grüsse

  2. Die Geschichte spricht mir aus dem Herzen. Am vergangenen Donnerstag habe ich meinen geliebten Kater „Jacky“ in den Tod begleitet. Zum Glück hat die Tierärztin uns zu Hause besucht und mein Büsi durfte auf seinem geliebten Stuhl einschlafen. Aber schmerzhaft war es allemal, da mir der Kater nicht nur Haustier war sondern auch Begleiter durch mein Leben.

  3. Danke für diese zum Nachdenken anregenden Zeilen, insbesondere mit dem Apfelbaum: Das Leben geht weiter!

    Kleine Anmerkung zum Kommentar von Emanuel Memminger: Der Hinweis auf die „Geschöpfe“ Gottes steht in der Gute Nachricht Bibel, Hoffnung für alle, neuen evangelistischen Uebersetzung sowie mit „Lebewesen“ Gottes in der neuen Genfer Uebersetzung im Psalm 104,27 (nicht Vers 26). (-:

  4. Liebe Nadine,
    Gratulation! Mit einem Tier eine tiefe Verbindung eingehen zu können ist ein ganz spezielles Geschenk Gottes. Empathie, Respekt dem anderen Wesen gegenüber zeugen von Demut (welch ein schön altertümliches Wort!) und innerer Grösse. Wer sagt es sei ja ’nur‘ ein Tier hat etwas Entscheidendes noch nicht ganz mitgekriegt.
    Danke für den Beitrag

  5. Danke für diese berührende Geschichte. Ich habe ähnliches mit meiner Hündin erlebt, auch ich durfte nicht mehr von der Seite weichen und bin die letzten Tage und Stunden immer länger neben der Hundekiste am Boden gesessen und habe gerungen mit dem Entscheid und der Zeit, wo die Tierärztin kommt und die Hündin von ihren Schmerzen erlöst. Zuvor Schmerzmittel und Hoffnung auf Verbesserung…. Fruchtbar. Gestorben ist sie in meinen Armen und kremiert an meinem 50igsten Geburtstag. Was für ein Tag!

  6. Nadine Hassler Bütschi 30. Januar 2015 um 16:05 Antworten

    Lieber Emanuel – danke für dein Feedback. Und ich finde den Ausdruck „Spielgefährten Gottes“ bezaubernd schön!

  7. Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Im vergangenen November ist unsere Katze Juniper überfahren worden. Auch ich musste meine Lektion lernen. Ich hätte nie gedacht, wie nahe einem der Tod einer Katze gehen kann. Auch ich werde in Zukunft um Tiere trauernde Gemeindemitglieder mit etwas anderen Augen ansehen als bisher. Aber weshalb sollten wir nicht trauern, wenn einer der „Spielgefährten Gottes“ (Ps 104, 26) gehen muss.

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